Orte

Gole della Breggia

von Markus Schneider

Inhaltsverzeichnis
Der Parco delle Gole della Breggia

Ganz unten im Tessin, im Mendrisiotto und nur ein paar Kilometer von Chiasso entfernt, hat sich die Breggia tief in den Fels gefressen. Die Gole della Breggia, die Schluchten der Breggia, sehen auf den ersten Blick aus wie ein schöner Bach im Wald. Auf den zweiten Blick entpuppen sie sich als aufgeschlagenes Geschichtsbuch der Erde. Hier liegt der erste Geopark der Schweiz, dazu ein kantonales Naturschutzgebiet und ein Geotop von nationaler Bedeutung.

In den Felswänden der Schlucht stapeln sich Gesteinsschichten aus Hunderten Millionen Jahren. Gleich nebenan rosten die Reste einer alten Zementfabrik vor sich hin, was dem Spaziergang einen Hauch Industrieromantik verleiht. Eintritt kostet das Ganze nichts, die Wege sind einfach, und im Sommer locken Naturbecken mit glasklarem Wasser. Die Details folgen.

Name

Parco delle Gole della Breggia (Gole della Breggia)

Status

erster Geopark der Schweiz, kantonaler Naturpark, Geotop von nationaler Bedeutung

Eröffnung des Geoparks

2001

Kanton und Region

Tessin, Mendrisiotto

Gemeinden

Morbio Inferiore, Breggia (Ortsteil Morbio Superiore), Castel San Pietro, Balerna

Fluss

Breggia

Länge der markierten Wege

rund 12 km mit etwa zwei Dutzend Geostopps

Eintritt

kostenlos

Adresse Hauptparkplatz (P1)

Via Ghitello 1, 6834 Morbio Inferiore

Infotafeln

Italienisch, Deutsch, Französisch und Englisch

Infopunkt

Mulino del Ghitello, Morbio Inferiore

Offizielle Website

parcobreggia.ch

Gole della Breggia

Geschichte und Geologie

Schön war es hier nicht immer. In den 1980er-Jahren lagen die Felder brach, alte Gebäude zerfielen, und über allem thronte das Industrieareal der Zementfabrik Saceba. Trotzdem merkten einige Leute, welcher Schatz da im Tal lag. 1985 hielt ein Dokument des kantonalen Naturmuseums fest, dass die Schlucht ein geologisches und paläontologisches Erbe von internationalem Rang birgt. Der Verein Amici del Parco Breggia stemmte sich gegen eine geplante Deponie beim Ghitello und rettete so die alte Mühle samt Weiher.

1998 stellte der Kanton Tessin das Gebiet als Naturpark unter Schutz. Ende der 1990er-Jahre entstanden Wege, Brücken und Infotafeln. Im September 2001 eröffnete der erste Geopark der Schweiz. Er misst rund 65 Hektaren und begleitet die Breggia auf etwa 1,5 Kilometern bis an den Fuss des Valle di Muggio. Hinter dem Park steht eine Stiftung, in der Gemeinden und Kanton mitreden. Heute reisen Geologinnen und Studierende aus ganz Europa an, um hier zu sehen, wie Berge entstehen und wie Wasser sie wieder abträgt.

Was anderswo kilometerweit verstreut liegt, zeigt die Breggia auf kurzer Strecke. Die Schichten reihen sich wie Seiten in einem Buch: zuerst die Kalksteine des Jura, dann der Flysch der Kreidezeit, ganz am Schluss junge Kies- und Schotterablagerungen. Flussabwärts wird das Gestein jünger.

Entstanden sind die meisten Schichten am Grund der Tethys. Dieses Meer trennte einst Afrika und Europa, lange bevor sich die Alpen auftürmten. Dann prallten die beiden Kontinentalplatten zusammen, falteten das Gestein und kippten es. Deshalb liegen die ältesten Schichten heute oben. Die Erdgeschichte steht hier buchstäblich Kopf. Bekannt sind vor allem der rote, knollige Rosso Ammonitico, der fast weisse Biancone und die mergelige Scaglia voller Mikrofossilien. Mit etwas Glück entdecken Besucher im Fels einen Ammoniten. Laut Beobachter fällt zudem eine rund neun Meter hohe, chaotische Schicht auf, die eine unterseeische Schlammlawine vor etwa 170 Millionen Jahren hinterlassen hat. Mitnehmen darf man aber nichts: Fossilien, Pflanzen und Tiere bleiben, wo sie sind.

Der Parco delle Gole della Breggia, Schweiz

Gole della Breggia

Beim Alter streiten sich die Zahlen. Die Website des Parks spricht von rund 200 Millionen Jahren Erdgeschichte. Das Geotop-Inventar von swisstopo und Ticino Turismo rechnen für die lückenlose Abfolge vom Jura bis zur Kreidezeit mit rund 80 Millionen Jahren. Die ältesten Kieselkalke des Monte-Generoso-Blocks schätzen Medienberichte auf etwa 190 Millionen Jahre. Einig sind sich alle in einem Punkt: Laut swisstopo gehört das Profil zu den vollständigsten der Alpen und ist in der Schweiz einzigartig. Im ehemaligen Steinbruch der Saceba liegt sogar die Grenze zwischen Jura und Kreide offen. Im Gestein stecken Hunderte Ammonitenarten, dazu Fischreste und Seeigel.

Industrie am Fluss

Die Breggia hat aber nicht nur Geologen beschäftigt. Über Jahrhunderte trieb sie Mühlen an. Laut Beobachter nutzten einst rund 25 Betriebe ihre Wasserkraft. Die Mühlen mahlten etwa Getreide und Kastanien, andere Betriebe stellten Zement oder Papier her. Am Weg stehen noch die Ruinen der Saceba, eine aufgegebene Brauerei und Reste alter Mühlen wie die Mulin da Canaa. Der Mulino del Ghitello beim Infopunkt stammt von 1606 und mahlte bis in die 1960er-Jahre. Heute sitzen darin das Informationszentrum und die Parkverwaltung, dazu kommen ein Restaurant und ein Picknickgarten.

Ab den 1960er-Jahren holte die Saceba Kalkstein aus der Schlucht. Auf ihrem Höhepunkt 1972 und 1973 produzierte sie laut Medienberichten bis zu 200'000 Tonnen Zement pro Jahr. In den 1990er-Jahren war Schluss mit dem Abbau, weil Rutschungen die Chiesa Rossa bedrohten. 2003 legte Holcim das Werk still, riss es aber nicht ganz ab. Zum Glück, muss man heute sagen.

Oben am Hang steht die Chiesa Rossa, die Kirche San Pietro aus dem 14. Jahrhundert mit ihrer roten Fassade. Eine Legende erzählt von einer blutigen Familienfehde in der Weihnachtsnacht 1390. Die Kirche mit ihren gotischen Fresken steht unter nationalem Denkmalschutz und ist meist abgeschlossen. Ein Blick durchs Fenster geht aber immer, und nach Voranmeldung öffnet sie auch innen. Der Park spricht von «zweitausend Jahren Menschheitsgeschichte», von römischen Gräbern bis zu gotischen Fresken.

Saceba - ein Zementwerk im Parco delle Gole della Breggia (Kanton Tessin)

Saceba

Was es zu sehen gibt

Langweilig wird der Weg nicht. Gegenüber den Ruinen der Zementfabrik stürzt die Cascata della Breggia über die Felsen. Die Holzbrücke Punt dal Farügin, auch Teufelsbrücke genannt, schwingt laut Beobachter rund 35 Meter über dem Flussbett. Wer Höhenangst hat, schaut besser geradeaus. Alle anderen geniessen von hier den besten Blick über die Schluchten.

Für Pausen gibt es den Prato delle Streghe, die «Hexenwiese». Im Bereich Farügin stehen Bänke und Tische, dazu eine Feuerstelle zum Grillieren. Eine Brücke der alten Strasse verbindet Castel San Pietro mit Morbio Superiore. An mehreren Stellen führen Pfade hinunter zu den Naturbecken, wo sich die Breggia in klaren Gumpen sammelt.

Auch die Natur hat einiges zu bieten. Stille Wasser wechseln sich mit Stromschnellen ab, Geröllhalden mit dichtem Wald. Unter den geschützten Pflanzen finden sich Orchideen und Christrosen.

Gole della Breggia - Naturpark im Tessin

Gole della Breggia

Percorso del Cemento

Wie wird aus Fels eigentlich Zement? Die Antwort liefert der Percorso del Cemento auf dem alten Saceba-Areal. Der rund zwei Kilometer lange Rundgang führt von den offenen Steinbrüchen durch die Abbaustollen zur Brechanlage und endet beim Ofenturm, der Torre dei Forni. Der Turm dient heute als Ausstellungsraum.

Den Aussenbereich darf jeder frei erkunden. Für die Führungen durch Stollen und Innenräume braucht es eine Reservation, denn die Plätze sind knapp. Gratis sind sie laut Website des Percorso del Cemento nicht, die aktuellen Preise stehen auf der Website. Unter Tag misst das Thermometer nur 10 bis 13 Grad, und es ist feucht. Helm, Stirnlampe und Leuchtweste stellt der Park. Die ganze Tour dauert rund drei Stunden, der Ofenturm allein etwa eine Stunde. Wer unter Platzangst leidet, lässt die Stollen laut Ticino Turismo besser aus. Seit 2025 richtet sich das Angebot vor allem an Gruppen wie Schulklassen oder Firmen.

Daneben organisiert der Park weitere Führungen, etwa die «Reise in die Zeit der Natur» (Viaggio nel tempo della Natura). Sie finden an festen Daten statt, das Programm steht auf parcobreggia.ch. 2025 gab es unter anderem Konzerte in der Chiesa Rossa und Aktionen zum Schweizer Mühlentag.

Percorso del Cemento im Gole della Breggia

Percorso del Cemento

Wanderung: Routen durch die Schlucht

Für die Wanderung durch die Gole della Breggia gibt es mehrere Varianten. Laut Outdooractive misst eine einfache Route rund 5 Kilometer, dauert etwa zwei Stunden und bringt rund 245 Höhenmeter. Eine zweite leichte Variante kommt auf 5,7 Kilometer und 2 Stunden 30 Minuten. Wer es eilig hat, nimmt die kurze Runde mit 4,1 Kilometern, die in rund 1 Stunde 15 Minuten geschafft ist. Ab Castel San Pietro führt ein Rundweg von 3,45 Kilometern durchs Gebiet. Er dauert etwa 1 Stunde 10 Minuten und gilt als mittelschwer. Und wer danach noch Beine hat, verlängert ins Valle di Muggio.

PostAuto teilt die Runde übrigens in zwei Hälften. Flussaufwärts bis zur Mulin da Canaa geht es auf dem historischen Weg, vorbei an Zementfabrik und Chiesa Rossa. Zurück zum Mulino del Ghitello führt der geologische Weg, an Fossilien und Tonablagerungen alter Meere entlang.

Los geht es beim Parkplatz. Der Weg führt am Informationszentrum und am Mulino del Ghitello vorbei und folgt dem Fluss bis zur alten Zementfabrik. Danach wird es steiler, und im Schatten des Waldes steigt der Pfad bis zur Brücke über die Schlucht. Es folgen Picknickplätze und Mühlenruinen, bevor die Route zur Chiesa Rossa hinaufklettert. Auf der grossen Runde geht es über die Punt da Canaa und die Punt dal Farügin zurück zum Fluss und zum Startpunkt. Die Infotafeln der Geostopps erklären unterwegs, welche Schicht gerade zu sehen ist.

Ein Wort zum Schuhwerk: einige Abschnitte sind rutschig, nach Regen erst recht. Gute Sohlen sind Pflicht, die Flipflops bleiben im Auto.

Wanderungen im Naturpark Gole della Breggia

Wanderungen im Gole della Breggia

Fotografen kommen hier voll auf ihre Kosten. Das klassische Foto zeigt die alte Zementfabrik vor der Kulisse der Schlucht. Einige Besucher loben die Ruinen in ihren Bewertungen sogar als Spielplatz für Streetfotografie. Ebenso dankbar sind die Naturbecken mit ihrem klaren Wasser und die Holzbrücken. Von der schwingenden Punt dal Farügin gelingen die spektakulärsten Blicke in die Tiefe. Etwas ruhiger wirkt der Mulino del Ghitello mit seinem Wasserrad, ein schönes Motiv für den Anfang oder das Ende der Runde.

Das beste Licht gibt es am Morgen und am Abend, wenn die Sonne weich durch die Bäume fällt. Auf nassen Steinen helfen rutschfeste Schuhe. Und nach Regen gilt: Kein Bild ist einen Sturz wert. Wer Bilder für einen eigenen Beitrag braucht, nimmt eigene Aufnahmen oder solche mit offener Lizenz.

Praktische Informationen

Mit dem Auto geht es auf der A2 Richtung Süden bis zur Ausfahrt Chiasso. Danach führen Schilder zum Parco delle Gole della Breggia. Der Hauptparkplatz P1 liegt an der Via Ghitello 1 in Morbio Inferiore. Ein zweiter Parkplatz befindet sich am Ende der Route hinter dem Einkaufszentrum Centro Breggia, Besucher nennen ihn auch den Parkplatz beim Lidl.

Mit dem ÖV fährt ein PostAuto bis zur Haltestelle «Morbio Inferiore, Ghitello». Von dort sind es nur ein paar Schritte bis zum Mulino del Ghitello. Mit dem Zug reist man über Chiasso oder Balerna an. Die aktuellen Verbindungen liefert der Fahrplan der SBB und der Tessiner Busbetriebe.

Eintritt und Parkplatz kosten nichts. Der Park ist rund um die Uhr offen, Hunde sind grundsätzlich willkommen. Picknicken lässt es sich auf den eingerichteten Plätzen, reservieren lassen sie sich nicht. Hier gilt die älteste Regel der Welt: Wer zuerst kommt, grilliert zuerst.

Genug Wasser einpacken. Der einzige Trinkbrunnen steht bei der Chiesa Rossa und ist im Winter abgestellt. Wer in die Naturbecken steigen will, sollte sich auf eine kalte Überraschung gefasst machen.

Noch ein Hinweis gegen Verwirrung: Das Einkaufszentrum Centro Breggia gehört nicht zum Park, auch wenn dahinter ein Parkplatz am Ende der Route liegt. Und für den Percorso del Cemento braucht es eine Reservation, am einfachsten per Mail an [email protected].

Die Rezensionen lesen sich fast wie Werbung. Am häufigsten loben Besucher den freien Eintritt. Danach folgen die gut markierten Wege und die Tafeln in vier Sprachen. Viele schwärmen von den sauberen Naturbecken und von der Mischung aus Geologie und Industriegeschichte. Familien fühlen sich ebenso wohl wie Hundehalter.

Der Parco delle Gole della Breggia - der erste Geopark der Schweiz

Gole della Breggia

Ein paar Klagen gibt es auch. Das Wasser sei eiskalt, schreiben manche, andere warnen vor glitschigen Steinen. An schönen Tagen wird der Parkplatz knapp, deshalb raten Besucher zur frühen Anreise. Und immer wieder taucht derselbe Tipp auf: lieber nicht direkt nach einem Regentag kommen.

Wer nach der Breggia noch nicht genug von wilden Schluchten hat, findet in der Räbloch-Schlucht im Emmental ein weiteres eindrückliches Ziel.

Interessante Fakten

  • Die Gole della Breggia sind seit 2001 der erste Geopark der Schweiz.
  • Auf wenigen hundert Metern zeigt die Schlucht Gesteine vom Jurakalk bis zum jungen Schotter. Wer sie durchwandert, reist im Zeitraffer durch Millionen Jahre.
  • Die Ruinen der Saceba sind längst Teil der Landschaft. Auf ihrem Gelände führt heute der Percorso del Cemento durch Steinbrüche und Stollen.
  • Tafeln in vier Sprachen und null Franken Eintritt machen den Park zu einem der zugänglichsten Naturziele im Süden der Schweiz.
  • Auf Tripadvisor steht der Park auf Platz eins der Sehenswürdigkeiten von Morbio Inferiore.
  • Laut Medienberichten liegt im Park auch ein Findling aus dem Veltlin. Den hat ein Gletscher während der Eiszeit bis ins Mendrisiotto geschleppt.

FAQ

Gibt es einen kostenlosen Parkplatz?

Ja. Der Hauptparkplatz P1 an der Via Ghitello 1 in Morbio Inferiore ist gratis und liegt direkt beim Eingang. An schönen Tagen ist er schnell voll, frühes Kommen lohnt sich.

Wie lange dauert eine Wanderung durch die Schlucht?

Je nach Route zwischen 1 Stunde 15 Minuten und 2 Stunden 30 Minuten. Die Rundwege sind etwa 4 bis 6 Kilometer lang.

Wie schwierig sind die Routen?

Die meisten gelten als leicht, der Rundweg ab Castel San Pietro als mittelschwer. Einzelne Abschnitte sind steil und nach Regen rutschig.

Kann man in der Breggia baden?

Ja, im Sommer baden viele in den Naturbecken. Das Wasser ist aber kalt und die Steine glitschig. Kinder gehören am Wasser unter Aufsicht, besonders wenn die Breggia nach Regen mehr Wasser führt.

Was ist der Percorso del Cemento und wie nimmt man daran teil?

Ein Rundgang über das Gelände der alten Zementfabrik Saceba, von den Steinbrüchen durch die Stollen bis zum Ofenturm. Draussen ist der Zugang frei. Für die geführten Besuche der Stollen braucht es eine Reservation beim Park, und sie kosten etwas.

Gibt es im Park Picknickplätze und Feuerstellen?

Ja. Beim Prato delle Streghe und in Farügin stehen Bänke und Tische, in Farügin auch eine Feuerstelle. Reservieren geht nicht.

Wann ist die beste Zeit für einen Besuch?

Im Sommer locken die Naturbecken, dafür wird es an Wochenenden voll. Frühling und Herbst sind ruhiger und zum Wandern angenehmer. Auch im Winter ist der Park offen, nur der Trinkbrunnen ist dann abgestellt. Am besten passen trockene Tage.