Räbloch-Schlucht im Emmental
Manche Orte im Emmental erwartet man auf keiner Postkarte. Das Räbloch gehört dazu. Hier hat sich die Emme über Jahrtausende durch massive Nagelfluhwände gefräst und eine enge Schlucht mit fast senkrechten Flanken hinterlassen. Über 30 Meter fallen die beiden Wände direkt zur Emme ab. Mal rücken sie bis auf wenige Meter zusammen, mal weichen sie zurück und bilden regelrechte Kammern und Kessel, und an manchen Stellen hängen sie sogar über.
Die eigentliche Attraktion ist ein Zufall der Geologie. Mitten in der Schlucht klemmt ein bewachsener Felsblock zwischen den Wänden und bildet eine Naturbrücke, über die man den Canyon überquert. Dieser Übergang ist der Höhepunkt jeder Tour. Und das Schöne: der Weg ist gut markiert und für die meisten machbar, auch für Familien mit Kindern. Bergerfahrung braucht niemand, nur feste Schuhe und ein bisschen Respekt vor der Tiefe.
Name | Räbloch / Räbloch-Schlucht |
|---|---|
Region | Emmental, Kanton Bern, Schweiz |
Lage | Grenze der Gemeinden Eggiwil / Schangnau |
Höhe | ca. 816 m ü. M. (Naturbrücke ca. 863 m) |
Was es ist | Nagelfluh-Schlucht mit Naturbrücke über die Emme |
Wandhöhe | 30–40 m, stellenweise über 100 m |
Schmalste Stelle | Naturbrücke ca. 1,2 m breit |
Entstehung | Vor und während der letzten Eiszeit, teils unter dem Gletscher |
Geöffnet | Ganzjährig; im schneefreien Winter bei trockenem Wetter begehbar |
Offizielle Website | eggiwil.ch → Tourismus → Räbloch |
Regionale Tourismusinfo |

Räbloch-Schlucht im Emmental
Was das Räbloch ist – Natur und Geologie
Um das Räbloch zu verstehen, muss man zurück in die Eiszeit. Damals staute sich das Eis an einem Felsriegel zwischen Wachthubel und Turner, der noch durchgehend war. Das Wasser an der Sohle des Gletschers stand unter enormem Druck und war voller Quarzkörnchen aus dem Hohgantsandstein. Das Gemisch wirkte wie eine Säge. Entlang bestehender Risse frass es sich unter dem Eis eine tiefe Rinne in den Fels. 40 bis 70 Meter tief soll das Räbloch sein, und nach heutigem Wissen ist es tatsächlich unter dem Gletscher entstanden. Noch in der letzten Eiszeit lag hier Eis.
Und die Naturbrücke? Ein Nagelfluhpaket spaltete sich seitlich ab, rutschte und klemmte sich zwischen den beiden Schluchtwänden fest. Der Fluss verschwindet an dieser Stelle in einem Gewölbe und schiesst rund 20 Meter weiter mit voller Wucht wieder hervor. Wer davorsteht, versteht sofort, warum dieser Ort die Leute fasziniert und ein bisschen gruselt.
Neu ist diese Faszination nicht. Schon vor über 140 Jahren zog das Räbloch Reisende an.
Wem es nicht bangt hinüberzuschreiten und das Auge in den Abgrund tauchen zu lassen, gehört schon zu den beherzteren Menschen und braucht keine Fegefeuer mehr zu fürchten, schrieb der Reiseschriftsteller E. A. Türler 1887.
Der Satz trifft die Wirkung ziemlich genau. Heute ist der Übergang gesichert, und trotzdem stockt einem beim Tiefblick der Atem. Stellenweise türmen sich die Wände über 100 Meter hoch, dicht gestaffelt, und im Räbloch selbst wirkt es, als würden sie sich fast berühren.
Räbloch-Schlucht
Wanderungen
Drei Routen kommen infrage, unterschiedlich lang, unterschiedlich anspruchsvoll. Alle drei gelten als leicht und laufen auf markierten Wanderwegen.
- Die kürzeste ist «s'Räbloch», rund 4 Kilometer, etwa 1 Stunde 25 Minuten, 200 Meter hinauf, 240 hinunter. Sie startet beim Parkplatz Steinmösli und führt zuerst am Hochmoor Steinmösli entlang. Nach 300 Metern bringt einen ein Steg zu einer kleinen Beobachtungsplattform im Moor. Dann geht es auf gut gesichertem Pfad hinunter zur Schlucht, wo der Weg rund 40 Meter über der Emme die Naturbrücke quert. Nach dem Aufstieg zum Schafschwand läuft man weiter nach Scheidbach. Oben öffnet sich der Blick auf Schangnau zwischen Schrattenfluh und Hohgant. Beim Glückeli, kurz vor dem Dorf, liegt im Wald ein grosser Kinderspielplatz mit Grillstelle. Schluss ist beim Gasthof Löwen in Schangnau.
- Die zweite Route, «Vom Räbloch ins Pfaffenmoos», ist die längere. Rund 9,8 Kilometer, etwa 3 Stunden, 270 Meter hinauf, 500 hinunter, ebenfalls leicht. Auch sie beginnt beim Steinmösli, führt nach dem Räbloch Richtung Schafschwand, passiert das Hochmoor Pfaffenmoos und den Gasthof Hirschen in Heidbühl und endet beim Gasthof Bären in Eggiwil. Die richtige Wahl, wenn man mehr vom inneren Emmental sehen will.
- Die dritte startet in Süderen und bietet am meisten Abwechslung. Sie zieht über die Hochebene an der Nordflanke der Honegg und über die Passhöhe der Schallenbergstrasse zur Naturbrücke und weiter nach Schangnau. Unterwegs schöne Ausblicke ins innerste Emmental mit seinen gewaltigen Felsbastionen, dazu ein geschütztes Hochmoor. Meist läuft man auf Naturwegen, nur am Anfang und am Ende ein Stück auf Asphalt.
Wie soll man wählen? Beim ersten Mal oder mit Kindern nimmt man die kurze Runde. Vier Kilometer, anderthalb Stunden, und man hat alles gesehen, worauf es ankommt. Wer fitter ist und mehr Zeit mitbringt, greift zur zweiten oder dritten.
Ein Rat aus der Praxis: Lade dir vorher die GPX-Datei herunter, über outdooractive.com oder SchweizMobil. Die SchweizMobil-App ist ohnehin die bequemste Karte fürs Emmental, gerade wenn ein Abzweig mal nicht eindeutig ist.
Räbloch-Schlucht
Sicherheit für Kinder und Eignung für Familien
Kurz gesagt: ja, das Räbloch passt für Familien. Aber unter ein paar Bedingungen. Heute führt ein gut gesicherter Wanderweg vom Naturschutzgebiet Steinmösli hinunter zur Naturbrücke. Die Brücke hat auf beiden Seiten Holzzäune, und auch Abstieg und Aufstieg sind mit Geländern gesichert. Früher war das nicht so, und genau das macht den Unterschied.
Für die Pause gibt es einen idealen Platz. Beim Glückeli, kurz vor Schangnau, warten ein grosser Kinderspielplatz und eine Grillstelle im Wald. Perfekt, um Znüni zu machen und die Kinder toben zu lassen.
Einen Punkt sollte man aber ernst nehmen. Die Pfade rund ums Räbloch werden nach Regen rutschig. Schuhe mit griffiger Sohle sind Pflicht, auch für die Kinder. Bei nassem Wetter oder direkt nach kräftigem Regen lässt man die Tour besser sein. Der steile Abstieg zur Brücke verzeiht keinen Ausrutscher.
Und noch etwas gehört klar gesagt. Die Schlucht direkt am Wasser zu durchqueren, ist gefährlich und nichts für Familien. Nach dem grossen Unwetter 2014, das im Schangnau wütete, stauten sich Holz und Schutt in der engen Schlucht, und die Verhältnisse im Canyon können schnell kippen. Solche Touren gehören in die Hände erfahrener Guides, mit Neoprenanzug. Für alle anderen gilt der Weg oben über die Naturbrücke, und der reicht fürs grosse Erlebnis vollkommen.
Zum Alter: die kurze Runde eignet sich gut ab etwa fünf, sechs Jahren. Ganz kleine Kinder trägt man besser oder lässt sie daheim, denn der Pfad zur Brücke ist stellenweise steil.
Räbloch-Schlucht
Praktische Informationen
Mit dem Auto fährt man von Langnau im Emmental Richtung Eggiwil und weiter Richtung Schangnau. An der Grenze zwischen Eggiwil und Schangnau liegt der Parkplatz beim Steinmösli. Von Bern rechnet man mit etwa 45 bis 55 Minuten, von Thun mit rund 35 bis 45.
Mit dem öV nimmt man den Bus 252 ab Thun oder Escholzmatt nach Eggiwil, Haltestelle Räbloch. Die liegt direkt beim Naturschutzgebiet Steinmösli, wo Parkplatz und Bushaltestelle zusammenfallen und die Tour beginnt. Verbindungen findest du auf sbb.ch. Vom Parkplatz beim Vorders Steinmösli geht dann der stellenweise recht steile Weg hinunter zur Naturbrücke los.
Ein Wort zum Parkieren, weil es an schönen Tagen zum Thema wird. Die Plätze sind knapp. An Wochenenden und bei gutem Wetter ist der Parkplatz oft schon am Vormittag voll. Wer flexibel ist, kommt mit dem Bus oder startet früh. Beides erspart Nerven.
Ein Tor oder Öffnungszeiten gibt es nicht, das Räbloch ist ganzjährig zugänglich. Was den Zugang regelt, ist das Wetter, nicht der Kalender. Bei Schnee, Eis oder nach Unwettern kann der Weg zeitweise heikel oder gesperrt sein.
Jede Jahreszeit hat ihren eigenen Charakter:
- Im Frühling, April bis Mai, umgibt frisches Grün die Brücke, und die Emme führt viel Wasser aus der Schneeschmelze. Die Pfade sind dann aber oft noch feucht und rutschig, gerade im April. Ab Mai wird es zuverlässiger.
- Der Sommer, Juni bis September, ist die beste Zeit. Warm, trockene Wege, gutes Licht für Fotos. Die Emme hat im August rund 17 Grad, und unterhalb der Schlucht kann man baden. Der Haken: An Augustwochenenden ist am meisten los.
- Der Herbst, Oktober bis November, färbt das Emmental golden, und es sind deutlich weniger Leute unterwegs. Das feuchte Laub auf den Pfaden kann nach Regen allerdings rutschig werden.
- Der Winter, Dezember bis März, geht bei trockenem Wetter ohne Eis und Schnee. Das Räbloch im Schnee ist ein Bild für sich. Bei Glatteis wird der Pfad aber gefährlich und taugt dann nur für erfahrene Wanderer mit Spikes.
Der ideale Moment? Ein klarer Werktag im Juni, September oder Oktober. Wenig Betrieb, trockenes Wetter, schönes Licht. An Ausrüstung empfehlen die Berner Wanderwege leichte Trekkingschuhe, einen leichten Rucksack, Sonnencreme, Regenjacke, ein Erste-Hilfe-Set, einen kleinen Snack, genug zu trinken und das Handy.

Räbloch-Schlucht im Winter
Interessante Fakten
- Am Ende der letzten Eiszeit war das Räbloch komplett mit Moräneschutt verstopft, und im Schangnau bildete sich ein See, der bis westlich von Bumbach reichte. Erst nach und nach räumte sich die enge Schlucht wieder frei. Man steht also an einem Ort, der schon einmal ganz verschwunden war.
- Die Naturbrücke misst an ihrer schmalsten Stelle nur etwa 1,2 Meter. Von unten sieht sie aus, als könnte sie jeden Moment herunterkommen, und hält doch seit Jahrtausenden.
- Das Unwetter von 2014 hat gezeigt, wie lebendig dieser Ort ist. Damals stauten sich so viel Holz und Schutt in der Schlucht, dass die Aufräumarbeiten aufwendig wurden und sogar das SRF darüber berichtete. Die Emme ist hier kein stilles Gewässer, sondern eine Kraft, die man besser respektiert.
- Das Hochmoor Steinmösli gilt als das bedeutendste der Region und zeigt sich besonders im Herbst in voller Farbenpracht. Es liegt direkt am Weg und ist über einen Holzsteg erschlossen. Ein kurzer Abstecher, der sich lohnt.
FAQ
Wie lange dauert die Wanderung zum Räbloch?
Vom Parkplatz Steinmösli bis zur Naturbrücke sind es pro Weg rund 20 Minuten. Die kurze Rundtour «s'Räbloch» dauert etwa 1 Stunde 25 Minuten, die längeren Varianten bis zu 3 Stunden.
Gibt es einen Parkplatz beim Räbloch?
Ja, beim Naturschutzgebiet Steinmösli, der zugleich die Bushaltestelle «EGGIWIL Räbloch» ist. Die Plätze sind knapp und an schönen Wochenenden früh belegt.
Ist das Räbloch für Familien mit Kindern geeignet?
Ja, mit Einschränkungen. Der Weg ist an den steilen Stellen und auf der Naturbrücke mit Geländern und Holzzäunen gesichert. Empfohlen wird die kurze Route ab etwa fünf bis sechs Jahren, mit rutschfesten Schuhen und nicht bei Nässe.
Wann besucht man das Räbloch am besten?
Am schönsten ist es an einem trockenen Werktag im Sommer oder Frühherbst. Im August hat die Emme rund 17 Grad, dann kann man unterhalb der Schlucht auch baden.
Was ist die Naturbrücke im Räbloch?
Ein Nagelfluhpaket, das sich abspaltete und zwischen den beiden Schluchtwänden verkeilte. Der bewachsene Felsblock bildet so eine natürliche Brücke über die Emme.
Wie eng ist die Räbloch-Schlucht?
Sehr eng. Die Felswände rücken stellenweise auf wenige Meter zusammen, und die Naturbrücke misst an ihrer schmalsten Stelle nur etwa 1,2 Meter.







