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Schloss Tarasp

von Markus Schneider

Inhaltsverzeichnis
Schloss Tarasp (Schweiz)

Hoch über dem Unterengadin thront es wie aus einem Märchenbuch: Schloss Tarasp. Auf einem fast hundert Meter hohen Felshügel über Tarasp und Scuol erhebt sich die knapp tausendjährige Festung, das unbestrittene Wahrzeichen der Region und eine der imposantesten Burgen Graubündens. Das Besondere ist die Mischung. Mittelalterliche Wehrarchitektur trifft auf zeitgenössische Kunst, denn seit 2016 gehört das Schloss dem weltbekannten Engadiner Künstler Not Vital. Und mitten in den alten Mauern erklingt eine mächtige Orgel, deren Konzerte im Sommer wie im Winter das Tal erfüllen. Ein Hinweis gleich vorweg: besichtigen lässt sich das Schloss nur im Rahmen einer Führung.

Name

Schloss Tarasp (Chastè da Tarasp)

Lage

Tarasp, Gemeinde Scuol, Unterengadin, Kanton Graubünden

Lage/Höhe

auf einem ~100 m hohen Felshügel

Erbaut

um 1040 (Graf Ulrich I. von Tarasp)

Stil

Mittelalterburg, Umbau im Historismus (um 1900)

Besitzer (heute)

Not Vital (Künstler aus Sent, seit 30. März 2016)

Frühere Besitzer

Habsburg/Österreich (bis 1803), K. A. Lingner («Odol»), Haus Hessen (bis 2016)

Räume

ca. 100 (Ritter-/Festsäle, Schlafgemächer, Schlosskapelle)

Besichtigung

nur im Rahmen einer Führung (Anmeldung erforderlich)

Führung

Erwachsene ca. CHF 15 (mit Gästekarte 13), Kinder 7–15 ca. CHF 8 (Stand)

Dauer Führung

ca. 1 Stunde

Besucher

rund 15'000 pro Jahr

Offizielle Website

notvital.ch

Schloss Tarasp

Geschichte

Die Geschichte von Schloss Tarasp reicht fast tausend Jahre zurück. Um das Jahr 1040 legte Graf Ulrich I. von Tarasp den Grundstein, und die Burg wurde zum Stammsitz der Grafen von Tarasp, die über diesen Teil des Inntals herrschten. Damit gehört das Schloss zu den ältesten Zeugnissen mittelalterlicher Herrschaft in der Region.

Doch die Ruhe währte nicht lange. Nachdem der letzte Graf von Tarasp kinderlos ins Kloster Marienberg eingetreten war, wechselte die Burg ständig den Besitzer. Mal war es das Bistum Chur, mal die Herren von Reichenberg, mal die Grafen von Tirol und Görz, immer wieder ging es um die Macht im Unterengadin. 1464 kaufte schliesslich Herzog Sigismund von Tirol die Anlage, und Tarasp wurde habsburgisch. Und jetzt kommt das Kuriose: anders als das übrige Unterengadin blieb Tarasp bis 1803 eine österreichische Exklave mitten in der Schweiz. Erst Napoleon gliederte den Ort 1803 der Helvetischen Republik an.

Danach ging es bergab. Aus Geldmangel wechselte das Schloss weiter die Hände und verfiel bis um 1900 zusehends. Die Rettung kam von unerwarteter Seite. Der Dresdner Industrielle Karl August Lingner, Erfinder des Odol-Mundwassers, entdeckte die Burg während eines Kuraufenthalts in Vulpera, kaufte sie 1900 und liess sie im Stil des Historismus aufwendig umbauen. Auf dem Schlosshügel legte er einen Park mit über tausend Bäumen an, in der einstigen Waffenkammer liess er eine Orgel einbauen. Vollenden konnte er sein Werk aber nicht mehr. Lingner starb am 5. Juni 1916, kurz nach Fertigstellung der Orgel.

Testamentarisch hätte das Schloss eigentlich an König Friedrich August III. von Sachsen gehen sollen, doch der schlug das Erbe aus, weil er laut Testament jährlich eine gewisse Zeit auf der Burg hätte verbringen müssen. So gelangte Tarasp an das Haus Hessen. Die grossherzogliche Familie um Ernst Ludwig von Hessen und bei Rhein aus Darmstadt hielt die Anlage rund hundert Jahre, bis 2016, empfand das teure Schloss zuletzt aber als Last und wollte es seit Jahren loswerden. Nachdem eine Stiftung namens «Pro Chastè da Tarasp» 2010 vergeblich versucht hatte, die Burg neu zu positionieren, kam die entscheidende Wende: am 30. März 2016 kaufte der Engadiner Künstler Not Vital das Schloss für rund 7,9 Millionen Franken. Die Gemeinde Scuol verpflichtete sich, bis 2030 jährlich rund 200'000 Franken an die Betriebskosten beizusteuern.

Alte Darstellungen von Schloss Tarasp

Historische Zeichnungen von Schloss Tarasp

Besitzer Not Vital

Seit 2016 gehört Schloss Tarasp also Not Vital, geboren 1948 im Unterengadiner Dorf Sent und ein weltbekannter Bildhauer. Für die Region ist das ein Glücksfall, denn hier haucht ein Einheimischer seinem Schloss neues Leben ein, Künstler, Schlossherr und Sentiner in einer Person.

Seine Vision ist klar. Not Vital will aus Schloss Tarasp eine kulturelle Attraktion von nationaler und internationaler Bedeutung machen, mit zeitgenössischer Kunst, einem Skulpturenpark und einer Öffnung fürs Publikum. Zugänglich bleibt die Burg über Führungen und spezielle Art Tours. So verbindet sich die alte Wehranlage mit der Gegenwart, und das Schloss ist zugleich Teil der Kulturlandschaft Rhätische Bahn, in deren Nähe UNESCO-Welterbe liegt.

Interior und Exterior

Von aussen wirkt Schloss Tarasp wie gemalt. Auf einem kegelförmigen Felshügel, fast hundert Meter hoch, thront die Anlage über dem Ort und dem kleinen Taraspersee, dahinter die Bergkulisse. Der Fels ragt beinahe senkrecht aus der grünen Hügellandschaft der rechten Innseite auf, und die Mauern setzen ihm die Krone auf. Kein Wunder, dass Tarasp das meistfotografierte Wahrzeichen des Unterengadins ist und zu den bedeutendsten mittelalterlichen Wehrbauten der Schweiz zählt.

Prägend sind die hoch aufragenden, schmucklosen Mauern und die kleinen, an Schiessscharten erinnernden Fenster, alles atmet Wehrhaftigkeit. Die Anlage gliedert sich in Oberburg, Unterburg und einen befestigten Zugang, mit Wehrgängen, Pulvertürmen, Torhaus, Kapelle und Campanile. Rund um das Schloss zieht sich der von Lingner angelegte Park mit über tausend Bäumen, dazu kommt der Skulpturenpark von Not Vital, dessen ortsbezogene Werke auf dem Gelände verteilt sind, darunter ein bronzener Baum mitten im Innenhof.

Im Inneren warten rund hundert Räume. Auf der Führung öffnen sich Ritter- und Festsäle, alte Schlaf- und Gastgemächer sowie die Schlosskapelle. Der Reiz liegt im Nebeneinander der Epochen. Das historische Mobiliar, das Lingner einst aus Bündner Patrizierhäusern, Tiroler Edelhöfen und aus Deutschland zusammenkaufte, mit alten Vertäferungen und Möbeln, tritt in einen Dialog mit der zeitgenössischen Kunst von Not Vital, mit seinen eigenen Arbeiten und Werken befreundeter Künstler wie Frank Stella. Dazu kommen eine Sammlung antiker, moderner und zeitgenössischer Kunst sowie wechselnde Ausstellungen.

Schloss Tarasp - mittelalterliche Burg im Kanton Graubünden

Schloss Tarasp

Das Prunkstück aber ist die Orgel im einstigen Waffensaal, dem heutigen Musikzimmer. Diese Dresdner Jehmlich-Orgel liess Lingner 1916 einbauen, und sie zählt mit 39 klingenden Registern zu den grössten Orgeln in europäischem Privatbesitz, ihr Pfeifenwerk verteilt sich über mehrere Nebenräume. Lingner träumte von einem «klingenden Schloss», und so finden hier bis heute Orgelkonzerte statt, einst spielte sogar Benjamin Britten auf ihr. Von den Mauern schweift der Blick weit über das Unterengadin.

Praktische Informationen

Eines vorweg, damit der Ausflug nicht ins Wasser fällt: ins Schloss kommt man nur mit einer Führung, und die will vorab gebucht sein. Die Anmeldung läuft online über notvital.com, denn spontan an der Tür anklopfen bringt nichts. Das Haupttor schliesst nämlich pünktlich zu Beginn der Führung, und wer dann noch den Berg hochschnauft, steht vor verschlossenem Tor. Ein paar Minuten Puffer an der Kasse im Schlosshof lohnen sich also.

Eine Führung dauert rund eine Stunde und läuft öffentlich auf Deutsch. Wer der Sprache nicht folgen kann, bekommt an der Kasse einen Audioguide oder ein Booklet, und für Gruppen oder Kunstinteressierte gibt es private Führungen und eigene Art Tours. Preislich bleibt der Besuch günstig: Erwachsene zahlen rund CHF 15, mit Gästekarte 13, Kinder von 7 bis 15 Jahren etwa CHF 8, Gruppen nach Vereinbarung. Weil sich Tarife aber gerne ändern, ist ein kurzer Blick auf notvital.com vor dem Besuch nie verkehrt.

Bei den Öffnungszeiten gilt dasselbe. Im Sommer finden täglich Führungen statt, oft mehrmals am Tag, nur der Montag ist meist Ruhetag. Im Winter schrumpft das Angebot auf einzelne Tage zusammen, etwa Dienstag und Donnerstag. Die genauen Zeiten wechseln von Saison zu Saison, und die Orgelkonzerte laufen ohnehin nach eigenem Programm, im Sommer wie im Winter. Übrigens hat das Schloss eine lange Besuchertradition: Öffentliche Führungen gibt es hier schon seit 1919.

Schloss Tarasp - eine der bekanntesten Burgen der Schweiz

Schloss Tarasp

Die Anfahrt führt hinauf nach Tarasp, das seit 2015 zur Gemeinde Scuol gehört. Mit dem Auto steuert man die öffentlichen Parkplätze in Tarasp Fontana oder Sparsels an, von dort geht es in etwa 15 bis 20 Minuten zu Fuss bergauf zum Schlosshof. Festes Schuhwerk ist da kein Fehler, denn der Weg schlängelt sich über einen Pfad hinauf. Wer lieber die Öffentlichen nimmt, fährt mit der Rhätischen Bahn bis Scuol-Tarasp und weiter mit dem PostAuto Richtung Tarasp, ehe der kurze Aufstieg beginnt. Die offizielle Adresse lautet Chastè da Tarasp, Sparsels 145, 7553 Tarasp. Hunde müssen leider draussen bleiben, ins Schloss dürfen sie nicht mit.

Restaurant und Hotel

Wer im Schloss selbst ein Restaurant oder ein Hotelzimmer sucht, wird nicht fündig, so etwas gibt es dort nicht. Für eine kleine Pause vor oder nach der Führung liegt aber das Café Schleppun direkt am Fusse des Schlosses, im Sommer von Dienstag bis Sonntag zwischen 10 und 17 Uhr geöffnet. Ideal, um bei einem Kaffee kurz durchzuatmen, bevor oder nachdem man die hundert Räume durchwandert hat.

Für alle, die länger bleiben wollen, gibt es gleich unterhalb der Burg eine besondere Adresse: das Schlosshotel Chastè im Weiler Sparsels. Aus einem Engadiner Bauernhaus wurde ab 1912, parallel zur Schlossrenovation, zunächst ein bescheidenes Gasthaus mit Krämerladen, das sich über die Jahrzehnte zu einem Vier-Sterne-Haus mauserte und heute zur renommierten Gruppe Relais & Châteaux zählt. Erwartet werden die Gäste mit gemütlichen Arvenholz-Stuben, einem Gourmetrestaurant und einem kleinen Wellnessbereich mit Saunen, Dampfbad und Kneipp-Becken. Im Winter sind im Zimmerpreis sogar Bahntickets der Rhätischen Bahn, der Ortsbus und eine tägliche Bergbahnfahrt ins Ski- und Wandergebiet Motta Naluns inbegriffen.

Schlosshotel Chastè Tarasp

Darüber hinaus bietet das benachbarte Scuol das volle Programm. Der Kurort ist gut zehn Minuten entfernt und lockt mit dem Thermalbad Bogn Engiadina, das die berühmten Mineralquellen des Unterengadins nutzt, dazu mit einer breiten Auswahl an Hotels, Pensionen und Restaurants. Wer eine Unterkunft für ein paar Tage sucht, kombiniert den Schlossbesuch am besten mit einem Aufenthalt in Scuol oder Tarasp. So wird aus dem Schlossbesuch schnell ein ganzes Ferienwochenende.

Wen das Thema Burgen und Schlösser gepackt hat, dem seien in der Schweiz auch die Festung von Bellinzona im Tessin und das Schloss Chillon am Genfersee ans Herz gelegt.

Interessante Fakten

  • Fast tausend Jahre alt. Das Schloss entstand um 1040 und blickt damit auf eine beinahe tausendjährige Geschichte zurück.
  • Ein Stück Österreich in der Schweiz. Bis 1803 war Tarasp eine österreichische Exklave mitten in der Eidgenossenschaft.
  • Gerettet vom Odol-Erfinder. 1900 kaufte Karl August Lingner, Erfinder des Odol-Mundwassers, das verfallene Schloss und pflanzte im Park über tausend Bäume.
  • Ein ausgeschlagenes Erbe. Eigentlich sollte das Schloss an den sächsischen König Friedrich August III. gehen, der das Erbe aber ablehnte, worauf es an das Haus Hessen fiel.
  • Die grösste Orgel im Privatbesitz. In der einstigen Waffenkammer steht eine Jehmlich-Orgel, die mit 39 Registern zu den grössten Orgeln in europäischem Privatbesitz zählt, und noch heute erklingen dort Konzerte.
  • Ein Künstler als Schlossherr. Seit 2016 gehört das Schloss dem Engadiner Künstler Not Vital, der es für rund 7,9 Millionen Franken kaufte.
  • Nur mit Führung. Ins Innere kommt man ausschliesslich im Rahmen einer Führung, jährlich besuchen rund 15'000 Menschen das Schloss.

FAQ

Wo liegt Schloss Tarasp?

Das Schloss liegt in Tarasp in der Gemeinde Scuol, im Unterengadin im Kanton Graubünden, auf einem fast hundert Meter hohen Felshügel über dem Inntal.

Wem gehört Schloss Tarasp?

Seit dem 30. März 2016 gehört es dem weltbekannten Engadiner Künstler Not Vital, der aus dem nahen Dorf Sent stammt. Zuvor war es rund hundert Jahre im Besitz des Hauses Hessen.

Wie alt ist Schloss Tarasp und wann wurde es erbaut?

Erbaut wurde die Burg um das Jahr 1040 von Graf Ulrich I. von Tarasp, sie ist damit fast tausend Jahre alt.

Kann man Schloss Tarasp besichtigen?

Ja, allerdings nur im Rahmen einer Führung mit vorheriger Anmeldung. Frei zugänglich ist das Innere nicht.

Gibt es ein Restaurant oder Hotel beim Schloss?

Im Schloss selbst nicht. Am Fusse des Schlosses liegt das Café Schleppun, Übernachtungs- und Essensmöglichkeiten gibt es in Tarasp und im nahen Scuol.

Was kann man im Interior des Schlosses sehen?

Rund hundert Räume, darunter Ritter- und Festsäle, alte Schlaf- und Gastgemächer und die Schlosskapelle, dazu historisches Mobiliar, zeitgenössische Kunst von Not Vital und die grosse Jehmlich-Orgel im Musikzimmer.