Persönlichkeiten

Peter Zumthor - Meister der modernen Architektur und des Designs

von Elena Keller

Inhaltsverzeichnis
Peter Zumthor

Wenige Architekten haben mit so wenigen Bauten so viel bewirkt. Peter Zumthor hat keine Skylines geprägt und keine Hochhauskomplexe entworfen. Trotzdem – oder gerade deshalb – gehört er zu den einflussreichsten Architekten der Gegenwart. Was er baut, baut er langsam, bewusst und mit einer Präzision, die man heute selten findet. Das Pritzker-Komitee sprach 2009 von «Architektur, die uns berührt» – und das trifft es besser als jede technische Beschreibung.

Vollständiger Name

Peter Zumthor

Geburtsdatum

26. April 1943

Geburtsort

Basel, Schweiz

Staatsbürgerschaft

Schweiz

Beruf

Architekt

Spezialisierung

Atmosphärische Architektur, Materialität, Sakralraum

Atelier

Atelier Peter Zumthor

Bürostandort

Haldenstein bei Chur, Graubünden

Tätigkeitsfelder

Planung, Beratung, Lehre, Publikationen

Bekannteste Projekte

Therme Vals, Kunsthaus Bregenz, Kolumba Köln, Bruder-Klaus-Kapelle

Wichtigste Auszeichnungen

Pritzker-Preis 2009, RIBA Royal Gold Medal 2013, Praemium Imperiale 2008

Offizielle Website

zumthor.com

Aktiv seit

1979

Peter Zumthor - bedeutender Vertreter der modernen Architektur

Peter Zumthor

Biografie

Peter Zumthor wurde am 26. April 1943 in Basel geboren und wuchs in Oberwil im Kanton Baselland auf. Sein Vater Oscar Zumthor war Schreinermeister. Das klingt nach einem biographischen Detail – aber es ist eigentlich die Erklärung für alles, was danach kam.

Von seinem Vater lernte Zumthor den Respekt vor dem Handwerk. Nicht als Theorie, sondern als tägliche Praxis. 1958 begann er seine Berufslehre als Möbelschreiner in der Werkstatt des Vaters – mit den Händen, nicht am Zeichentisch. Dieser frühe Kontakt mit Material, Fuge, Oberfläche und Konstruktion prägte sein späteres Denken tiefer als jedes Architekturstudium es hätte tun können.

Ab 1963 studierte er Innenarchitektur und Design an der Schule für Gestaltung in Basel. 1966 wechselte er ans Pratt Institute in New York, wo er sich in Architektur und Industrial Design weiterbildete. Das Jahr in New York brachte ihn mit internationalen Debatten in Kontakt – und liess ihn gleichzeitig verstehen, was er nicht sein wollte.

Nach der Rückkehr in die Schweiz arbeitete er ab 1968 zehn Jahre lang als Bauberater und Inventarisator bei der kantonalen Denkmalpflege Graubünden. Diese Phase ist oft unterschätzt. Wer ein Jahrzehnt lang historische Bausubstanz analysiert und schützt, entwickelt ein anderes Verhältnis zu Zeit, Material und Kontext als jemand, der direkt ins Büro einer grossen Kanzlei einsteigt. Graubünden mit seinem Rätoromanisch, seinen alten Steinbauten, seinen rauen Berglandschaften – das wurde zu Zumthors eigentlicher Schule.

1979 gründete er sein eigenes Büro in Haldenstein bei Chur. Dort ist es bis heute.

Peter Zumthor - bekannter Schweizer Architekt

Peter Zumthor

Persönliches Leben

Zumthor ist mit Annalisa Zumthor-Cuorad verheiratet, einer Lehrerin und Schriftstellerin rätoromanischer Literatur. Zusammen haben sie drei erwachsene Kinder, darunter den Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor, der international als Jazzmusiker bekannt ist. Das Haus und die Werkstatt in Haldenstein sind nicht nur Büro, sondern gelebter Alltag.

In seiner Freizeit spielt Zumthor Jazz – Kontrabass. Das ist kein Hobby, das man zur Seite legen kann, wenn der Bauherr anruft. Jazz erfordert Zuhören, Timing und die Bereitschaft, sich auf andere einzulassen. Wer Zumthors Architektur kennt, erkennt dieselben Qualitäten – sofort.

Er lebt und arbeitet in Haldenstein, einem kleinen Dorf im Churer Rheintal, keine zwanzig Minuten von Chur. Der Standort ist Programm: nicht die Stadt, nicht das Spektakel, sondern die Stille, die es braucht, um genau zu denken.

Sein Vermögen ist nicht öffentlich beziffert. Bekannt ist, dass er bewusst wenige Projekte annimmt und kein globales Büro mit hunderten Mitarbeitenden führt. Das Atelier arbeitet mit einem kleinen Team von rund fünfzehn Personen. Wachstum als Selbstzweck hat ihn nie interessiert.

Peter Zumthor zusammen mit Peter Conradin Zumthor

Peter Zumthor und Sohn Peter Conradin Zumthor

Karriere

Die zehn Jahre bei der Denkmalpflege Graubünden sind kein Nebenpfad in Zumthors Biografie – sie sind ihr Kern. Wer so lange mit historischer Bausubstanz arbeitet, versteht, warum manche Gebäude über Jahrhunderte tragen und andere nach zwanzig Jahren schon müde wirken. Zumthor lernte dort die Logik des Ortes, die Logik des Materials und die Logik der Zeit.

1979 folgte die Entscheidung: eigenes Büro, eigene Projekte, eigene Regeln.

Das Atelier Peter Zumthor in Haldenstein ist bewusst klein gehalten. Er nimmt wenige Aufträge an – nicht aus Desinteresse, sondern weil er glaubt, dass Qualität Zeit braucht. Jedes Projekt wird vollständig durchdacht, im Detail entwickelt, mit dem Ort in Dialog gebracht. Eine Architekturfabrik, die Aufträge abarbeitet wie Bestellungen, ist das Gegenteil dessen, was er betreibt. Das Atelier Peter Zumthor AG befindet sich an der Adresse Süesswinggel 20, 7023 Haldenstein. Für Kontaktanfragen ist das Büro unter der Telefonnummer +41 81 354 92 92 erreichbar.

Peter Zumthor hat den Begriff der Atmosphäre in der Architektur nicht erfunden – aber er hat ihn so präzise beschrieben und so konsequent angewendet wie kaum jemand sonst. Sein Buch «Atmosphären» aus dem Jahr 2006 ist heute Pflichtlektüre an Architekturschulen weltweit. Darin beschreibt er, wie Gebäude auf Menschen wirken – durch Licht, Schatten, Materialklang, Temperatur, Geruch, Proportion. Ein Zumthor-Bau schweigt nicht und schreit nicht. Er atmet. Man merkt es, wenn man drinnen ist, oft ohne zu wissen, warum.

Zumthor arbeitet mit Stein, Holz, Beton und Glas. Nicht als Stilmittel, sondern weil jedes Material seine eigene Logik hat. Lokaler Gneisstein in Vals, mattiertes Glas in Bregenz, unbehandelter Beton in der Eifelkapelle – jede Materialwahl entsteht aus dem Ort und dem Kontext. Das Handwerkliche ist dabei keine Nostalgie. Es ist die Überzeugung, dass gute Architektur die Logik ihrer Herstellung sichtbar macht.

Interview mit Peter Zumthor | «Reale und imaginäre Bauten»

Von 1996 bis 2008 war Zumthor Professor an der Accademia di architettura der Università della Svizzera italiana in Mendrisio. Zuvor hatte er Gastprofessuren am SCI-ARC in Los Angeles (1988), an der TU München (1989) und an der Harvard Graduate School of Design (1999).

Neben «Atmosphären» gehören «Architektur denken» (1999, Neuauflage 2006) und «Therme Vals» (2007) zu seinen wichtigsten Büchern. Ein mehrbändiges Gesamtwerk seiner Bauten und Projekte von 1985 bis 2013, herausgegeben von Peter Durisch, dokumentiert das vollständige Schaffen dieser Jahrzehnte.

Wichtigste Projekte

Die Therme Vals (1996) im Bündner Bergdorf Vals ist Zumthors bekanntestes Werk – und für viele das stärkste Argument dafür, dass Architektur mehr sein kann als gebauter Raum.

Das Gebäude wächst förmlich aus dem Berg. Zumthor verwendete ausschliesslich lokalen Valser Gneis – 60'000 Platten, lagenweise geschichtet wie geologische Strata. Das Licht fällt durch schmale Deckenöffnungen, die das Wasser je nach Tageszeit beleuchten und beschatten. Die Wege durch das Bad folgen keinem offensichtlichen Plan. Man entdeckt Räume, nicht findet sie.

Die Therme wurde kurz nach Fertigstellung unter Denkmalschutz gestellt. Ein Gebäude aus den 1990er-Jahren, das bereits wenige Jahre nach seiner Entstehung als schützenswert gilt – das ist in der Architekturgeschichte äusserst selten. Und es sagt alles über das, was hier entstanden ist.

Therme Vals Zumthors bekanntestes Werk

Therme Vals

Am Ufer des Bodensees steht ein Gebäude aus Glas, das Licht filtert statt blendet. Das Kunsthaus Bregenz (1997) besitzt eine Fassade aus mattierten Glastafeln, die Tageslicht gleichmässig in die Ausstellungsräume lenken. Von aussen leuchtet das Gebäude abends wie eine Laterne. Innen sind die Räume frei von tragenden Wänden – flexibel für Kunst jeder Art. Das Kunsthaus Bregenz gewann 1999 den Mies van der Rohe Award für Europäische Architektur.

Kunsthaus Bregenz - Ausstellungshäuser (Peter Zumthor)

Kunsthaus Bregenz

Im nordrhein-westfälischen Wachendorf steht Bruder Kalus FeldKapelle (2007), die aus einem Baumstamm-Gerüst und Stampfbeton entstanden ist. Das Innengerüst aus 112 Baumstämmen wurde nach dem Giessen des Betons abgebrannt – die Abdrücke blieben im Beton. Der Grundriss ist fünfeckig, der Blick nach oben öffnet sich zu einem schmalen Stück Himmel. Die Kapelle wirkt, als wäre sie immer schon da gewesen. Als wäre sie gewachsen, nicht gebaut.

Feldkapelle – Peter Zumthor

Auf den Ruinen einer mittelalterlichen Kirche und über einer archäologischen Ausgrabungsstätte baute Zumthor das Diözesanmuseum des Erzbistums Köln (Kolumba Museum Köln, 2007). Die neuen Mauern wachsen aus den alten – mit einem besonderen Lochziegel, den er eigens entwickeln liess: durchlässig für Licht, schützend für das Darunter. Das Museum ist kein Neubau über Geschichte. Es ist ein Gespräch mit ihr.

Diözesanmuseum des Erzbistums Köln von Peter Zumthor

Kolumba Museum Köln

Für die Weltausstellung 2000 in Hannover entwarf Zumthor den Schweizer Pavillon als begehbares Bauwerk aus unbehandelten Fichtenholzstapeln. Kein Dach, keine Wände im klassischen Sinn – nur gestapeltes Holz, das duftet und atmet. Nach der Expo wurde der Pavillon abgebaut, das Holz verkauft. Ein temporäres Gebäude, das trotzdem ins kollektive Gedächtnis einging. Besucher wollten buchstäblich ein Stück des Gebäudes mit nach Hause nehmen.

Schweizer Pavillon - Ausstellungsgebäude (Peter Zumthor)

Schweizer Pavillon

Die Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg (1988) war eines seiner ersten beachtenswerten Werke – ein längliches Holzgebäude auf der Alp, präzise und still. Die Schutzbauten für die römischen Ausgrabungen in Chur (1986) zeigen, wie früh er begann, Neues mit Historischem in Beziehung zu setzen. Das Steilneset Memorial in Vardø, Norwegen (2011), gemeinsam mit Louise Bourgeois entworfen, erinnert an die Hexenverfolgungen des 17. Jahrhunderts. Der Serpentine Pavilion in London (2011) zeigte sein Schaffen einem breiten internationalen Publikum.

Auszeichnungen

Auszeichnung

Jahr

Kontext

Auszeichnung guter Bauten Kt. Graubünden

1987, 1994

Regionale Bauauszeichnung

Heinrich-Tessenow-Medaille

1989

TU Hannover, für herausragende Baukultur

Internationaler Preis Neues Bauen in den Alpen

1992, 1995

Regionale Baukultur im alpinen Raum

International Prize for Stone Architecture

1995

Fiera di Verona, Italien

Carlsberg Architecture Prize

1998

Dänische Auszeichnung für Architektur

Mies van der Rohe Award

1999

Für das Kunsthaus Bregenz

Praemium Imperiale

2008

Japanische Kunstassoziation; oft als «Nobelpreis der Künste» bezeichnet

Pritzker Architecture Prize

2009

Höchste internationale Auszeichnung für Architekten

RIBA Royal Gold Medal

2013

Königliche Auszeichnung des Royal Institute of British Architects

Interessante Fakten

  • Die Therme Vals wurde kurz nach Fertigstellung unter Denkmalschutz gestellt. Ein Gebäude aus den 1990er-Jahren, das bereits wenige Jahre später als schützenswert gilt – das ist in der Architekturgeschichte aussergewöhnlich selten.
  • Zumthor nimmt nur wenige Projekte pro Jahr an. Das Kolumba Museum in Köln wurde über mehr als ein Jahrzehnt geplant – von ersten Entwürfen bis zur Eröffnung 2007 vergingen fast fünfzehn Jahre.
  • Sein Sohn Peter Conradin Zumthor ist Jazzschlagzeuger und international unterwegs. Der Vater spielt Kontrabass, der Sohn Schlagzeug. Das Gespräch zwischen den Generationen läuft in dieser Familie über Klang.
  • Zumthor hatte eine kleine Filmrolle in der Schweizer Produktion «Tutti giu» (2012) – ein seltener Ausflug jenseits der Architektur, der zeigt, dass er auch ausserhalb der Bühne seiner Bauten existiert.

FAQ

Was war Peter Zumthors erste selbstständige Arbeit?

Die ersten eigenen Projekte nach der Bürogründung 1979 waren vor allem Wohnbauten und kleinere Gemeinschaftsprojekte in Graubünden. Sein erstes international wahrgenommenes Werk war die Kapelle Sogn Benedetg in Sumvitg (1988) – ein präziser Holzbau in alpinem Kontext.

Warum realisiert er so wenige Projekte?

Zumthor glaubt, dass Qualität Zeit braucht. Er nimmt nur Aufträge an, die ihn wirklich interessieren und die er vollständig entwickeln kann. Sein Büro in Haldenstein arbeitet mit rund fünfzehn Personen. Quantität ist für ihn kein Massstab – und das spürt man an jedem seiner Bauten.

Welches Projekt hatte die längste Planungszeit?

Das Kolumba Museum in Köln. Vom ersten Kontakt mit dem Erzbistum bis zur Eröffnung 2007 vergingen mehr als fünfzehn Jahre. Zumthor entwickelte das Projekt in enger Abstimmung mit den archäologischen Befunden. Planung und Entdeckung verliefen dort parallel.

Was ist sein bekanntestes Buch?

«Atmosphären» aus dem Jahr 2006, erschienen im Birkhäuser Verlag. Das Buch entstand aus einem Vortrag und beschreibt, wie Architektur auf Menschen wirkt. Es ist heute in viele Sprachen übersetzt und an Architekturschulen weltweit im Einsatz. «Architektur denken» von 1999 ist ebenfalls grundlegend für das Verständnis seines Denkens.

Hat Zumthor Projekte ausserhalb Europas?

Zumthor arbeitete an Planungen für das Los Angeles County Museum of Art – ein Projekt, das in seiner ursprünglichen Form nicht realisiert wurde. Sein Werk ist primär europäisch verwurzelt, mit internationaler Ausstrahlung durch Ausstellungen, Publikationen und Gastprofessuren in Los Angeles und Boston.

Warum gilt die Therme Vals als Kultbau?

Weil sie etwas tut, was die meisten Gebäude nicht tun: Sie verändert die Menschen, die sich darin aufhalten. Das Zusammenspiel aus lokalem Stein, Wasser, Licht und Stille erzeugt eine Erfahrung, die schwer zu beschreiben ist und sich noch schwerer vergisst. Die frühe Unterschutzstellung kurz nach Fertigstellung ist die offizielle Bestätigung für das, was Besucherinnen und Besucher intuitiv spüren.