NEMO
Manche ESC-Sieger verblassen nach ihrem Moment im Scheinwerfer. Nemo nicht. Die Person aus Biel, die im Mai 2024 mit «The Code» den Eurovision Song Contest in Malmö gewann, hat seitdem wenig Zeit verloren: Debütalbum, Europatour, politische Statements, ein Auftritt vor König Charles III. Nemo singt, rappt und spielt mehrere Instrumente. Einer der interessantesten Acts, den die Schweiz in den letzten Jahren hervorgebracht hat – und das ist kein leerer Satz.
Bürgerlicher Name | Nemo Mettler |
|---|---|
Szenename | NEMO |
Geburtsdatum | 3. August 1999 |
Geburtsort | Biel/Bienne, Kanton Bern, Schweiz |
Geschlechtsidentität | Nichtbinär (ordnet sich im Deutschen keinem Pronomen zu) |
Genre | Alternative Pop, Hip-Hop, Drum and Bass, Oper |
Debütalbum | Arthouse (Oktober 2025) |
Label | Better Now Records / Universal Music Switzerland |
Nemo
Biografie
Nemo wuchs in Biel auf. Einer Stadt, die selten im Mittelpunkt steht, aber einiges zu sagen hat. Biel ist zweisprachig: Französisch und Deutsch existieren dort nebeneinander, die Kulturen durchmischen sich im Alltag. Das prägt. Nemo beschreibt Biel als Ort, an dem man sich als junger Mensch nie komisch dafür gefühlt hat, Musik zu machen oder anders zu sein.
Die Eltern haben ihren Teil beigetragen. Vater Markus Mettler ist Unternehmer und Erfinder, Mutter Nadja Schnetzler Journalistin. Nemos jüngere Schwester Ella Mettler ist Fotografin und enge Mitarbeiterin bis heute: Sie war für die Videos zu «The Code» verantwortlich und hat den Malmö-Auftritt mitinszeniert. Das ist mehr als Geschwisterhilfe – das ist echte Zusammenarbeit.
Der Name «Nemo» kommt vom lateinischen «niemand». Die Eltern haben ihn bewusst gewählt: «Wenn ich niemand bin, kann ich alles werden.» Diesen Satz erklärte Nemo während einer Mission des Roten Kreuzes in El Salvador 2018 – einer, der für die ganze künstlerische Haltung steht.
Mit drei Jahren begann Nemo Geige und Klavier zu lernen, dann kam Schlagzeug dazu. Mit zehn Jahren Unterricht bei einer Stimmbildnerin an der Kinderoper Biel, Auftritt in Mozarts «Die Zauberflöte» als Papageno. Mit 13 die ersten Beats, das erste Rappen, die ersten eigenen Texte. 2017 dann das Studium Sologesang im Profil Jazz und Pop an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK).
Im November 2023 outete sich Nemo öffentlich als nichtbinär – in einem Artikel in der SonntagsZeitung. Das war ein sichtbarer Schritt, der weit über die Musikszene hinaus Wellen schlug. Geografisch: Biel, dann Berlin (2021–2024), dann London, seit Juli 2025 Paris.
Nemo
Musikalische Karriere
Alles begann mit klassischer Nachwuchsarbeit. Nemo trat in der dritten Staffel von «Die grössten Schweizer Talente» auf und bekam früh ein Gefühl für Bühnenpräsenz. 2015 erschien die Debüt-EP «Clownfisch», die sich auf Platz 95 der Schweizer Charts platzierte. Kein Schlagzeilen-Start. Aber ein Anfang.
Den eigentlichen Knall gab es 2016. Nemo trat beim SRF Virus-#Cypher auf, einer Rap-Runde, die im Netz sofort viral ging. Über Nacht bekannt. So schnell kann das gehen – wenn man gut genug ist.
2017 folgten die EPs «Momänt-Kids» und «Fundbüro». Die Single «Du» stieg auf Platz 4 der Schweizer Singlecharts ein, «Ke Bock» und «Himalaya» kamen ebenfalls in die Charts. Dazu kamen in jenem Jahr der Energy Music Award als Best Swiss Artist, der Prix Walo in der Kategorie Newcomer und ein erster Swiss Music Award. 2018 dann der grosse Sweep: Best Male Solo Act, Best Breaking Act, Best Live Act und Best Hit für «Du» – vier Auszeichnungen in einem einzigen Jahr. Insgesamt fünf SMA-Trophäen in zwei Jahren.

Nemo - Du
2020 entschied Nemo, vom Schweizerdeutschen ins Englische zu wechseln und begann ausserdem, für andere Künstlerinnen und Künstler zu produzieren. 2021 trat Nemo in der zweiten Staffel von «The Masked Singer Switzerland» unter der Panda-Maske auf und schied auf dem fünften Platz aus. Die EP «Whatever Feels Right» (2022), vollständig auf Englisch und unter dem Namen NEMO, markierte das erste Kapitel der neuen Identität.
Nach dem ESC-Sieg 2024 kamen die Singles «Eurostar» und «Casanova» – Brückensongs zwischen Triumph und Debütalbum. «Arthouse» erschien am 10. Oktober 2025 über Better Now Records / Universal Music, 14 Tracks, 43 Minuten.
Das Konzept hinter dem Album: es ist ein Haus, in dem jeder Raum eine andere Stimmung hat. Die Ballade «Black Hole» steht für das Ende einer Beziehung, «One More Shot» handelt von Abhängigkeit und mentaler Gesundheit, «God's A Raver» ist purer Club-Jubel. Und dann ist da noch «Unexplainable» – das persönlichste Stück. Nemo schrieb es bereits im Januar 2025, zeigte es aber lange niemandem.
Es gibt diese Songs, bei denen man das Gefühl hat, zu viel von sich selbst preiszugeben, sagte Nemo dazu.
Erstmals live zu hören war es am ESC-Finale 2025 in Basel. Danach über drei Millionen Streams.
«Arthouse» steht für einen Raum zwischen Mainstream und Experiment. Popmusik, die herausfordert. Schönheit und Selbstausdruck – ohne Kompromisse, ohne Erklärungsbedarf.

Nemo – Unexplainable im Grand Final | Eurovision 2025
Eurovision Song Contest 2024
Am 29. Februar 2024 gab SRG SSR bekannt: Nemo vertritt die Schweiz in Malmö. Kein öffentlicher Wettbewerb, kein Castingprozess – interner Entscheid.
«The Code» ist autobiografisch und klanglich ein Experiment. Operngesang, Rap und Drum and Bass in drei Minuten – ein Stück, das beschreibt, wie es sich anfühlt, die eigene Identität zu suchen und schliesslich zu finden. «I went to hell and back, to find myself on track.» Keine Metapher. Gelebte Erfahrung.
Am 9. Mai trat Nemo im zweiten Halbfinale an. Am 11. Mai 2024 stand Nemo auf der Bühne der Malmö Arena – vor rund 9'000 Menschen im Saal und schätzungsweise 150 Millionen vor den Bildschirmen. Ergebnis: 591 Punkte, aufgeteilt in 365 vom Jury und 226 vom Publikum. Das ist der viertstärkste Wert in der Geschichte des ESC.
Nemo am Eurovision Song Contest 2024
Die Schweiz gewann mit 44 Punkten Vorsprung vor Baby Lasagna aus Kroatien. Zum dritten Mal nach Lys Assia 1956 und Céline Dion 1988 holte die Schweiz den Titel. Nemo war die erste nichtbinäre Person überhaupt, die den ESC gewann – in 68 Jahren Festivalgeschichte.
Auf der Bühne entfaltete Nemo die nichtbinäre Flagge. Das ESC-Regelwerk erlaubte nur Nationalfahnen und die Regenbogenfahne. Nemo hatte die Flagge ohne Wissen des Teams mitgebracht und setzte damit ein klares Zeichen. Nicht laut, nicht konfrontativ – einfach da.
In der Schweiz ging die Euphorie schnell in etwas Konkretes über. Nemo forderte die Regierung auf, ein drittes Geschlecht gesetzlich anzuerkennen. Als erstes rief Nemo nach dem Sieg nicht die Familie an, sondern Justizminister Beat Jans. Der erklärte sich zu einem Gespräch bereit.
«The Code» erreichte Platinstatus in der Schweiz und Griechenland sowie Goldstatus in Finnland. Über 100 Millionen Streams auf Spotify. Und für ein Video zur Orchesterversion liess Nemo das berühmte Foto von Céline Dion 1988 auferstehen – dieselbe Pose, dasselbe Outfit. Verbeugung und Augenzwinkern in einem. Vor dem Finale erhielt Nemo ausserdem den Marcel-Bezençon-Preis in der Kategorie Künstler.

Nemo – The Code (LIVE) | Schweiz 🇨🇭 | Gewinner des Eurovision Song Contest 2024
Konzertleben und Tours
Der «Break the Code»-Tour war für Frühjahr 2025 geplant. Dann entschied Nemo: mehr Zeit fürs Album. Die Tournee wurde verschoben.
Ich möchte das beste Werk schaffen, das ich je gemacht habe, schrieb Nemo damals an die Fans.
Der erste vollständige Europatour nach dem ESC-Sieg folgte dann als «Arthouse Tour» – 18 Konzerte durch Europa, mit Stops in Kyiv, der Schweiz, Deutschland, Frankreich, England, Irland, den Niederlanden und Polen. Wer dabei war, beschreibt die Konzerte als dicht und nah. Nemo schafft es, in einer Halle gleich präsent zu sein wie in einem kleinen Club.
Ein besonderer Abend ausserhalb des ESC: am 22. November 2024 trat Nemo bei der Royal Variety Performance in der Royal Albert Hall in London auf. König Charles III. war anwesend und schüttelte Nemo danach persönlich die Hand. In der gleichen Ausgabe standen Elton John, Sophie Ellis-Bextor und James Bay auf der Bühne.
Anstehende Konzerte
Stand April 2026 sind keine neuen Tourdaten von Nemo öffentlich angekündigt. Aktuelle Informationen finden sich auf nemothings.com und auf den Social-Media-Kanälen.
Konzert / Festival | Datum | Ort | Tickets |
|---|---|---|---|
Keine bestätigten Termine | TBA | TBA |
Nemo live auf der Bühne
Persönliches Leben
Nemo bezeichnet sich als pansexuell und führt eine langjährige Partnerschaft mit einer Frau. Mehr dazu hält Nemo bewusst aus der Öffentlichkeit. Die Familie ist nah. Schwester Ella arbeitet künstlerisch eng zusammen, die Eltern haben den Weg von Anfang an begleitet. Über die Schweiz spricht Nemo ehrlich, ohne Weichzeichner:
Die Schweiz ist ein Ort, an dem man sich sehr schnell zufriedengeben und wohlfühlen kann. Manchmal fühlt es sich hier zu komfortabel an.
Das Bedürfnis, verstanden zu werden, hat Nemo nach Berlin, London und Paris geführt. Seit Juli 2025 Paris. Die Stadt gefällt – das Tempo, die Kultur, das Gefühl, ankommen zu können.
Neben der Musik fährt Nemo lieber Velo als Metro, erkundet Städte zu Fuss und ist ein erklärter Arthouse-Film-Fan. Was in den Texten auftaucht, beschäftigt Nemo auch im Alltag: Geschlechtsidentität, mentale Gesundheit, und die Frage, wie sich Gesellschaft verändern lässt.
Diskografie
Jahr | Titel | Format | Label |
|---|---|---|---|
2015 | Clownfisch | EP | Eigenproduktion |
2016 | Ke Bock | Single | — |
2017 | Du | Single | — |
2017 | Himalaya | Single | — |
2017 | Momänt-Kids | EP | — |
2017 | Fundbüro | EP | — |
2022 | Whatever Feels Right | EP | Better Now Records |
2024 | The Code | Single | Better Now Records / Universal |
2024 | Eurostar | Single | Better Now Records / Universal |
2024 | Casanova | Single | Better Now Records / Universal |
2025 | Unexplainable | Single | Better Now Records / Universal |
2025 | Arthouse | Album | Better Now Records / Universal |
Auszeichnungen
Auszeichnung | Jahr | Kontext |
|---|---|---|
Energy Music Award – Best Swiss Artist | 2017 | Nachwuchserfolg nach viralen EPs |
Prix Walo – Newcomer | 2017 | Nachwuchspreis der Schweizer Musikszene |
Swiss Music Award | 2017 | Erster SMA-Award |
Swiss Music Awards – 4 Awards | 2018 | Best Male Solo Act, Best Breaking Act, Best Live Act, Best Hit für «Du» |
Marcel-Bezençon-Preis – Künstler | 2024 | Ausgezeichnet vor dem ESC-Finale in Malmö |
Eurovision Song Contest – Sieger | 2024 | 591 Punkte, erste nichtbinäre Gewinnperson der ESC-Geschichte |
Nemo
Interessante Fakten
- Mit 13 spielte Nemo 2012 im Jukebox-Musical «Ich war noch niemals in New York» – lange bevor irgendjemand den Namen kannte.
- 2015 nahm Nemo am Swiss VBT teil, dem wichtigsten Schweizer Rap-Wettbewerb, und erreichte das Halbfinale. Das Handwerk war also früh da.
- Der Papageno aus Mozarts «Zauberflöte», den Nemo als Kind in Biel spielte, taucht im Songwriting zu «The Code» als Referenz auf. Ein Kreislauf, der sich schliesst.
- Das Bühnen-Outfit und die Perücke von Basel 2025 hat Nemo für Queeramnesty versteigert. Der Erlös geht an die LGBTIQ+-Gruppe von Amnesty International Schweiz. «Es ist ein Stück Geschichte», sagte Nemo dazu. Emotional hänge man nicht daran – der Moment lebe ja weiter.
Soziale Medien
Nemo ist auf Instagram, TikTok, YouTube und TikTok aktiv. Die Kanäle sind regelmässig bespielt – mit einer Mischung aus persönlichen Momenten, Musikvideos und Statements zu gesellschaftlichen Themen. Wer nur Promo-Content erwartet, wird überrascht sein.
FAQ
Wer sind Nemos musikalische Vorbilder?
Nemos Musik trägt Einflüsse aus sehr verschiedenen Welten: klassische Oper, Drum and Bass, David Bowie, Prince. Die Kombination macht den Sound – und ist gleichzeitig schwer zu kategorisieren, was wohl Absicht ist.
Wie bereitet sich Nemo auf grosse Auftritte vor?
Nemo hat Psychotherapie als Teil des Prozesses erwähnt. Die Vorbereitung ist intensiv – Nemo poliert bis zu dreissig Versionen eines Songs, bevor er öffentlich wird. Das nennt man Perfektionismus, auch wenn es manchmal in den Wahnsinn treibt.
Produziert Nemo aktuell für andere Künstlerinnen und Künstler?
Ab 2020 begann Nemo, für andere zu produzieren. Welche aktuellen Kollaborationen laufen, hat Nemo nicht öffentlich kommuniziert.
Welcher Song ist persönlich am bedeutsamsten?
«Unexplainable» beschrieb Nemo als «musikalisch das Persönlichste, das ich je gemacht habe». Entstanden kurz nach dem Coming-out, lange unter Verschluss, dann erstmals beim ESC-Finale in Basel präsentiert – vor einem internationalen Publikum, das damit vielleicht gar nicht gerechnet hat.
Plant Nemo Musik auf Französisch oder Deutsch?
Bisher hat Nemo auf Schweizerdeutsch und Englisch veröffentlicht. Ob Französisch oder Hochdeutsch folgen, hat Nemo nicht bestätigt. Angesichts des Paris-Kapitels wäre es keine Überraschung.







