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Brunnenmarkt Wien

von Anna-Maria Leitner

Inhaltsverzeichnis
Brunnenmarkt Wien

Wenn man in Wien wirklich sehen will, wie die Stadt lebt – nicht wie sie sich darstellt – dann geht man zum Brunnenmarkt. Nicht zum Naschmarkt. 948 Meter Straßenmarkt im 16. Bezirk, rund 170 Stände, 72.000 Besucherinnen und Besucher pro Woche – und kaum ein Tourist in Sicht. Hier kaufen echte Menschen für echte Preise. Kein Schaufensterflair, kein Lifestyle-Aufschlag. Stattdessen: Tomaten, die nach Tomaten schmecken, Käse, der nach Käse riecht, und Händler, die einen auf Türkisch, Bosnisch oder Griechisch begrüßen, bevor man überhaupt weiß, was man sucht. Wer Wien verstehen will, fängt hier an – nicht beim Stephansdom.

Name

Brunnenmarkt

Bezirk

16., Ottakring

Adresse

Brunnengasse, von Thaliastraße bis Ottakringer Straße, 1160 Wien

Länge

948 Meter

Marktstände

rund 170

Gegründet

1786

Renovierung

abgeschlossen 2010

Charakter

Längster permanenter Straßenmarkt Europas; multikulturell, preisgünstig, lebendig

Öffnungszeiten Handel

Mo–Fr 6:00–21:00, Sa 6:00–17:00, So geschlossen

Öffnungszeiten Gastronomie

Mo–Sa 6:00–23:00, So geschlossen

Ein Blick auf den Brunnenmarkt

Brunnenmarkt

Geschichte

Der Brunnenmarkt entstand 1786 – nicht durch einen städtebaulichen Plan, sondern weil Kaiser Joseph II. einen Auslaufbrunnen in der Thaliastraße aufstellen ließ. Der Brunnen war an die Hernalser Wasserleitung angeschlossen, die Wasser aus dem Wienerwald in die Hofburg führte. Rund um diesen Brunnen bildete sich der Handel von selbst – so wie Märkte immer entstehen, wenn Menschen zusammenkommen und etwas brauchen.

Die Gegend hieß damals noch Neulerchenfeld, ein Vorort der Stadt. Der Brunnen selbst verschwand irgendwann im 19. Jahrhundert, als eine Pferdetramwaylinie angelegt wurde. Aber der Name blieb. Der Markt blieb. Das Wasser war weg, die Händler nicht.

Im Laufe der Jahrzehnte wuchs der Markt entlang der Brunnengasse in Richtung Ottakringer Straße – langsam, ohne große Geste, einfach weil er wuchs. Den zweiten wichtigen Schub gab es 1897: nicht weit entfernt entstand der Yppenmarkt auf dem ehemaligen Exerzierplatz beim Yppenheim, ursprünglich als Großhandelsmarkt für Obst und Gemüse. Die beiden Märkte existierten Jahrzehnte lang nebeneinander, bis sie 2009 offiziell zusammengeführt wurden. 2010 war die Generalsanierung fertig: neue Infrastruktur, niveaugleiche Fußgängerzone, modernisierte Stände.

2014 wählte die Bevölkerung – nicht eine Jury – den Brunnenmarkt mit Yppenplatz in der ORF-Sendung «9 Plätze – 9 Schätze» zum Wiener Landessieger. Und er ist Drehort für Kebab mit Alles, CopStories und Planet Ottakring. Der meistbesuchte Markt der Stadt, mit 72.000 Gästen pro Woche.

Charakter und Atmosphäre

Der Naschmarkt hat Touristen. Der Brunnenmarkt hat Stammkunden. Das ist der wesentliche Unterschied – und er erklärt fast alles andere.

Ottakring hat einen der höchsten Anteile an Bewohnerinnen und Bewohnern mit Migrationshintergrund in ganz Wien. Türkische Familien, bosnische Händler, griechische Pensionisten, polnische Köchinnen, kroatische Bäcker – sie alle sind nicht nur Gäste dieses Markts, sie prägen ihn. Die Stände, die Gerüche, die Musik aus den Radios, die Sprachen, die durcheinander gerufen werden: das ist kein kuratiertes Multikultifestival. Das ist einfach der Alltag eines Stadtteils.

Man merkt das an Kleinigkeiten. Wer nach einer einzelnen Zwiebel fragt, bekommt sie manchmal einfach in die Hand gedrückt, ohne Geld. Wer zögert, bekommt ein Stück Melone zur Kostprobe hingestreckt. Niemand spielt hier auf Publikum. Das ist sein Alltag – und man darf kurz Teil davon sein.

Der Spitzname «Orient ums Eck» trifft es atmosphärisch gut: Cumin und Safran liegen in der Luft, Pide liegt im Stapel, frischer Thymian hängt in Bündeln, und die Preisschilder zeigen Zahlen, die man in einem Wiener Supermarkt schon lange nicht mehr gesehen hat.

Die Kaffeehäuser entlang der Brunnengasse verlangen für eine Melange oder einen Türkischen zwischen €2 und €3. Holzstühle, Zeitungen, ein Tisch, der schon bessere Tage gesehen hat – aber man sitzt, und niemand schaut auf die Uhr.

Wer Hunger hat, ohne groß nachzudenken: die balkanischen Grillstände. Burek frisch aus dem Ofen, Ćevapčiči, Pljeskavica – Portionen für €3 bis €5. Die Qualität ist gut, weil die Konkurrenz direkt daneben steht und der Markt das Niveau hält.

Der Brunnenmarkt zählt zu den bekanntesten Märkten Wiens

Markttreiben am Brunnenmarkt

Yppenplatz

Wer den Brunnenmarkt vom nördlichen Ende aus erkundet, kommt zum Yppenplatz – und merkt, dass das hier nochmal ein eigenes Universum ist.

Der Platz ist die einzige Zone des gesamten Markts mit fest gemauerten Ständen. Alle anderen rund 170 Stände werden täglich auf- und wieder abgebaut. Der Yppenplatz bleibt stehen. Hier konzentrieren sich Cafés mit Terrassen, Gastronomiebetriebe, Galerien und Lokale, die zwischen «alteingesessen» und «gerade eröffnet» pendeln. Eine Kaffeestube, die seit Jahrzehnten dieselbe Melange serviert, sitzt neben einem Naturweinlokal, das erst vor zwei Jahren aufgemacht hat. Beides funktioniert. Das ist Ottakring.

Im Sommer sind die Terrassen schon am Dienstagmittag voll. Das ist keine touristische Hochsaison – das ist das normale Quartierleben. Gerade diese Selbstverständlichkeit macht den Yppenplatz zu einem der ehrlichsten öffentlichen Plätze Wiens. Hier trifft man keine Kulisse an. Man trifft Menschen.

Am Yppenplatz gibt es inzwischen auch neuere Formate: kleinere Restaurants mit Weinkühlschrank, Fusion-Küchen, saisonale Karten. Wer frühstücken will, kann das mit einem €3-Tost auf einem Klappsessel tun oder aufwendiger – beides ist richtig. Konkrete Lokale vor Publikation auf wien.gv.at oder Google Maps prüfen, da sich das Angebot regelmäßig ändert.

Yppenplatz - Markt mit besonderem Flair

Yppenplatz

Rundgang über den Markt

Wer das erste Mal zum Brunnenmarkt kommt, geht entweder zu früh wieder oder verliert sich. Beides ist vermeidbar. Einsteigen von der Thaliastraße-Seite. Hier ist der Markt am dichtesten, am lautesten, am intensivsten: Tomaten in Türmen, Melonen auf Kisten, Gewürze lose in Säcken. Nicht hetzen. Schauen, riechen, fragen.

Irgendwo in der Mitte eine Pause. Ein türkischer Bäckerstand verkauft Simit – türkische Sesamringe – Pide und süße Backwaren. Ein halber Simit für €1 ist Energieversorgung und Erlebnis in einem.

Weiter in den mittleren Teil: Staud's Pavillon und Käseparadies sind zwei Stände, die man sich mindestens anschauen sollte. Bei Staud's gibt es Marmeladen, Sirup, Punsch, Chutney – alles wienerisch, gut verpackt. Beim Käseparadies über 400 Sorten Käse von Vorarlberger bis Manchego, auf Wunsch mit Kostprobe.

Danach der Yppenplatz. Einen Tisch auf einer der Terrassen erwischen, etwas trinken, und den Marktbetrieb von einem anderen Blickwinkel aus beobachten. Wer genau schaut, sieht die Schichten: Familien mit Einkaufstaschen, Senioren auf Bänken, Mütter mit Kinderwägen, jemand mit Laptop und Oat-Cappuccino. Das ist Ottakring in einer Stunde.

Den Rückweg auf der gegenüberliegenden Seite machen – der Markt hat zwei parallele Korridore, und in jedem gibt es anderes. Mitnehmen: eine Stofftasche, Bargeld und Zeit. Zwei Stunden Minimum. Wer zum ersten Mal kommt, braucht drei.

Bunte Marktstände am Brunnenmarkt

Brunnenmarkt

Was kaufen und probieren

Das Herzstück ist Gemüse und Obst. Die Preise liegen deutlich unter Supermarktniveau – die Qualität liegt drüber, weil das meiste täglich angeliefert wird. Saisonale Tomaten im Sommer sind ein Argument allein. Auberginen, Paprika, frischer Basilikum, sackweise Walnüsse und Feigen, Zitrusfrüchte im Winter – wer regelmäßig hier einkauft, kauft woanders nur noch, was er hier nicht bekommt.

Brot und Gebäck: Türkische Bäcker mit Simit und Pide, griechische Anbieter mit Spanakopita, balkanische Standhändler mit Trockengebäck. Morgens ist das Angebot am besten.

Die «Balkanische Meile» ist eine informelle Bezeichnung für den Abschnitt, in dem balkanische Spezialitäten dicht an dicht stehen: Ajvar in allen Schärfegraden, Vegeta, Prebranac, Lutenica, Pršut, Suđžuk, eingelegte Paprika in Gläsern. Wer diese Küche kennt, ist hier zu Hause. Wer sie noch nicht kennt, lernt sie hier am besten kennen – mit einem kleinen Probierpaket für unter €10.

Spezialitätenläden: Staud's Pavillon und Käseparadies – nicht günstig, aber fair. Und Gewürze: Mehrere Stände mit Sumach, Berbere, Za'atar, Safran, Chili – zu Preisen, die mit Online-Versand mithalten.

Und dann gibt es die Stände, die den Markt zu dem machen, was er ist: der Händler, der ausschließlich Sportsocken verkauft. Der Teppichhändler, der seinen Staubsauger live vorführt. Der Mann mit dem Regenschirmreparaturservice. Nicht alles hier hat einen kulinarischen Nutzen – aber alles hat seinen Platz.

Der Brunnenmarkt – Wiens bester Straßenmarkt

Praktische Informationen

Handelsstände: Montag bis Freitag 6:00 bis 21:00 Uhr, Samstag 6:00 bis 17:00 Uhr. Sonntags geschlossen.

Gastrostände, Cafés und Restaurants: Montag bis Samstag 6:00 bis 23:00 Uhr. Sonntags geschlossen.

An Wochentagen sind rund 40 bis 50 Stände geöffnet. Am Samstag steigt die Zahl auf bis zu 120. Wer die volle Marktdichte erleben möchte, geht am Samstag. Wer in Ruhe einkaufen will, kommt unter der Woche.

Frühmorgens von 6 bis 8 Uhr ist der Markt ruhig – frische Ware, aufgeräumte Händler, keine Schlangen. Der Vormittag von 8 bis 11 Uhr ist die beste Einkaufszeit: alles vorhanden, noch nicht zu voll. Mittags von 11 bis 14 Uhr ist der Markt am lautesten und lebendigsten – Atmosphäre ja, gezieltes Einkaufen eher nein. Nachmittags leert sich das Gelände wieder, die Stände sind aber noch offen. Abends laufen die Gastrostände noch bis 23 Uhr.

Anreise: U6 bis «Josefstädter Straße» oder «Thaliastraße», dann wenige Minuten zu Fuß. Tram 46 bis «Brunnengasse» – direkt am Markt. Bus 13A oder 48A. Fahrrad: Citybike-Stationen entlang der Brunnengasse, Rad abstellen und zu Fuß durch den Markt. Mit dem Auto: nicht empfohlen – Kurzparkzone in Ottakring, kaum freie Plätze.

Bargeld ist wichtig – die meisten Stände akzeptieren keine Karte. Eine Stofftasche einpacken, besser zwei. Wer meint, nur kurz reinzuschauen und dann weiterzugehen, kauft am Ende trotzdem ein Kilo Tomaten, einen Bund Thymian und einen Simit. Das ist keine Warnung, das ist eine Vorschau.

Interessante Fakten

  • Seit 2013 findet am Brunnenmarkt jedes Jahr das StraßenKunstFest statt – ein einziger Tag, an dem Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt den Markt zur Bühne machen. Nicht auf einer separaten Bühne abseits, sondern mitten drin.
  • Die Wiener Märkte App (App Store und Google Play) des Marktamts bietet eine interaktive Karte mit allen Ständen, Öffnungszeiten und Warenangebot. Wer sich vorbereiten will, bevor er losgeht, findet dort alles – inklusive virtuellem Rundgang.
  • Obwohl der Markt heute keinen Brunnen mehr hat, erinnert der Name daran, dass Wien im 18. Jahrhundert seine Trinkwasserversorgung über öffentliche Auslaufbrunnen regelte. Der Brunnen verschwand. Der Name blieb. Die Händler auch.

FAQ

Was ist der Unterschied zwischen Brunnenmarkt und Naschmarkt?

Der Naschmarkt ist touristisch, bekannt und entsprechend teuer. Der Brunnenmarkt ist für Einheimische, multikulturell und einer der günstigsten Märkte Wiens. Am Naschmarkt kaufen viele, weil sie ihn gesehen haben wollen. Am Brunnenmarkt kaufen Menschen, weil sie hier wohnen.

Was sollte man unbedingt kaufen?

Frisches Gemüse und Obst – saisonal und günstig. Simit oder Pide am türkischen Bäckerstand. Käse im Käseparadies. Ajvar oder balkanische Spezialitäten entlang der «Balkanischen Meile». Gewürze wie Sumach und Za'atar zu fairen Preisen.

Wann hat der Brunnenmarkt geöffnet?

Handel: Montag bis Freitag 6 bis 21 Uhr, Samstag 6 bis 17 Uhr. Gastronomie: Montag bis Samstag 6 bis 23 Uhr. Sonntags ist der Markt geschlossen.

Wann am besten kommen?

Wochentags zwischen 8 und 11 Uhr. Ruhig, alles vorhanden, Händler haben Zeit. Oder sehr früh ab 6 Uhr, wenn der Markt gerade aufgebaut wird.

Was ist der Yppenplatz?

Der Yppenplatz ist die nördliche Verlängerung des Brunnenmarkts – die einzige Zone mit fest gemauerten Ständen. 2009 wurde er offiziell mit dem Brunnenmarkt zusammengeführt. Heute ist er der urbanste Teil: Cafés, Restaurants, Galerien, Terrassen.

Warum heißt der Markt «Orient ums Eck»?

Weil Gewürze, Aromen, Sprachen und Produkte aus der Türkei, dem Balkan, Griechenland und dem Nahen Osten Angebot und Stimmung prägen. Wer im 16. Bezirk wohnt und Kreuzkümmel braucht, dreht um die Ecke.