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Getreidegasse Salzburg

von Anna-Maria Leitner

Inhaltsverzeichnis
Getreidegasse

Sie ist schmal, sie ist alt, und sie ist immer voll. Trotzdem – oder vielleicht genau deshalb – bleibt die Getreidegasse der Ort, an dem man Salzburg am deutlichsten spürt. Über jedem Eingang hängt ein schmiedeeisernes Zunftschild, hinter den Fassaden warten Innenhöfe aus dem Mittelalter, und irgendwo zwischen Trachtenmode und internationalen Ketten liegt das Geburtshaus von Wolfgang Amadeus Mozart. Wer Salzburg verstehen will, startet hier.

Name

Getreidegasse

Lage

Altstadt, Salzburg, Österreich

Status

Teil des UNESCO-Weltkulturerbes

Bekanntestes Objekt

Mozarts Geburtshaus (Nr. 9)

Typ

Historische Fußgängerzone und Einkaufsstraße

Besonderheiten

Schmiedeeiserne Zunftschilder, Durchhäuser mit Innenhöfen

Nächste Parkmöglichkeiten

Mönchsberg-Parkgarage A, Altstadtgarage

Blick auf die Getreidegasse in Salzburg

Getreidegasse Salzburg

Geschichte

Die Getreidegasse hat mit Getreide nichts zu tun. Das ist kein Gerücht, sondern ein gut dokumentierter Irrtum. Der ursprüngliche Name lautete 1150 Trabgasse oder Trabegasse – abgeleitet vom Dialektausdruck «trabig», also geschäftig, in Eile. Nicht Kornkammer, sondern belebte Handelsstraße. Die Geschichte, dass ein Wiener Beamter in der Napoleonzeit das Wort falsch verstand und fortan falsch schrieb, klingt nach Legende – ist aber gut möglich.

Schon zur Römerzeit war diese Gasse die wichtigste Verkehrsader durch Salzburg in Richtung Bayern. Im Mittelalter siedelten sich Händler, Apotheker, Brauer und wohlhabende Stadtbürger an. Die Häuser gehörten Stadträten, Beamten, Richtern, Münzmeistern. Im 14. Jahrhundert bekam Salzburg das Stapelrecht, und die durchreisenden Kaufleute boten seit 1509 im Niederleghaus ihre Waren an – vor allem Eisenwaren.

Im 16. Jahrhundert entstand hinter der Häuserzeile durch den Ausbau des sogenannten Frongartens eine zweite Bebauungsreihe. Die neuen Häuser standen so eng, dass Querverbindungen fehlten. Also erlaubte man öffentliche Passagen durch Privatgebäude – und so entstanden die Durchhäuser, die bis heute das Gesicht der Gasse prägen.

Ab dem 19. Jahrhundert wurde die Getreidegasse zur vornehmsten Einkaufsstraße der Stadt. Mit den Salzburger Festspielen in den 1920er-Jahren gewann sie internationale Bekanntheit. Als Teil des UNESCO-Weltkulturerbes gilt für alle Geschäfte eine ungewöhnliche Regel: jedes Aushängeschild muss handgeschmiedet sein und dem historischen Stil entsprechen. Das galt auch für McDonald's, das 1982 als erste internationale Kette einzog – kein Neon-M, sondern ein schmiedeeisernes Zeichen. Im November 2023 schloss die Filiale wieder.

Historische Ansicht der Getreidegasse

Historischer Blick auf die Getreidegasse

Architektur und Atmosphäre

Die Häuser hier sind schmal und hoch, die Fenster werden von Stockwerk zu Stockwerk kleiner. Das ist kein Zufall. An vielen Fassaden sitzt das «Auge Gottes» – ein altes religiöses Motiv, das Schutz über Haus und Bewohner bitten sollte. Hinter dem letzten sichtbaren Stockwerk verbirgt sich oft ein sogenanntes Grabendach, eine Brandschutzmaßnahme aus dem frühen 16. Jahrhundert: niedrige Dächer, die rechtwinkelig zur Straße verlaufen, verhinderten das Übergreifen von Feuer. Wer vom Mönchsberg auf die Gasse schaut, sieht das gut.

Das auffälligste Merkmal sind die Zunftschilder. Im Mittelalter, als Hausnummern noch unbekannt und Lesen keine Selbstverständlichkeit war, sagten diese Schilder, was im Haus angeboten wurde. Ein Schuh für den Schuster, ein Schlüssel für den Schlosser, ein Stern für die Brauerei. An Nummer 24 hängt ein Wandarm mit Figuren und einer Schere – Hinweis auf einen einstigen Schneider. Nummer 32 zeigt eine farbenprächtiger Darstellung einer ehemaligen Glaserei. Bis heute entstehen neue Schilder in der Schlosserei Wieber, die mitten in der Gasse ansässig ist.

Die Atmosphäre der Getreidegasse, Salzburg

Getreidegasse Salzburg

Wer nur die Getreidegasse entlangsläuft, sieht die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte versteckt sich in den 13 Durchhäusern. Das sind öffentliche Passagen, die durch Privathäuser führen und Innenhöfe erschließen. Die geradzahligen Hausnummern führen Richtung Griesgasse und Salzach, die ungeradzahligen zum Universitätsplatz. Böden aus Untersberger Marmor, gewölbte Decken, Arkaden, Wappen, eingravierte Hausmarken, Reliefs aus verschiedenen Epochen – in diesen Passagen ist die Atmosphäre eine völlig andere als draußen auf der Gasse.

Das bekannteste Durchhaus ist das Schatz-Durchhaus bei Nummer 3, das vom Universitätsplatz bis zur Sigmund-Haffner-Gasse reicht. Im Eingangsbereich hängt eine Walfischrippe von der Decke, an der außerdem ein kleiner getrockneter Haifisch befestigt ist. Beides sind Hinterlassenschaften des Mayr'schen Kolonialwarenhandels aus dem 14. Jahrhundert – und wirkten unter Max Reinhardt tatsächlich als Festspiel-Requisiten mit. Das Sternbräu-Durchhaus bei Nummer 34 bis 36 öffnet einen Innenhof mit Marmorarkaden und alten Kastanienbäumen, der im Sommer zu den schönsten Flecken der Altstadt gehört.

Das Hagenauerhaus bei Nummer 9 ist die meistbesuchte Adresse der Gasse. Mozart kam hier am 27. Januar 1756 als siebentes Kind der Familie zur Welt. Das Museum zeigt in den oberen Stockwerken Originalexponate – eine Kindergeige, Briefe, Porträts, Dokumente zum Familienleben. Wer ohne Warteschlange hinein will, kommt früh: zwischen 8:30 und 9:30 Uhr ist der Andrang am geringsten. Tickets gibt es online.

Das Hagenauerhaus bei Nummer 9 - Mozart Geburtshaus

Mozart Geburtshaus

Geschäfte

Die Getreidegasse gehört zu den teuersten Einkaufsadressen Salzburgs. Internationale Modeketten stehen neben österreichischen Trachtenstudios, Schmuckläden, Feinkostgeschäften und Souvenirläden. Wer Mozartkugeln, Trachtenmode oder handgemachten Schmuck sucht, wird hier fündig – und zahlt entsprechend.

Einige Betriebe sind seit Generationen in Familienbesitz und haben die Wellen der Internationalisierung überlebt. Die Apotheke zum goldenen Biber ist eine davon. Die Spirituosenhandlung Sporer, die seit 1903 in der Gasse ansässig ist, führt Kräuterschnäpse, Liköre und einen hauseigenen Orangenpunsch, der in Salzburg Kultstatus genießt. Das sind keine Schaufensterdekorationen, das sind echte Handwerksbetriebe.

Nordsee bei Nummer 11 ist die praktische Variante: Fischbrötchen und Snacks direkt in der Gasse. Historisch wenig romantisch, aber gut besucht – und ehrlich gesagt genau das, was man nach zwei Stunden Laufen manchmal braucht.

Restaurants und Cafés

Das Sternbräu liegt an der Griesgasse 23, zugänglich über das Sternbräu-Durchhaus. Seit 1542 nachweislich in Betrieb, nach einer umfangreichen Renovierung inzwischen mit einer guten Mischung aus modernen Räumen und historischen Stuben. Der Innenhof mit Kastanienbäumen und Marmorarkaden ist im Sommer das Argument für einen Besuch. Die Küche bietet österreichische Hausmannskost auf verlässlichem Niveau – Spinatknödel, Schweinsbraten, Salzburger Nockerl – dazu das hauseigene Sternbier. Für Gruppen und Familien gut geeignet, Reservierung empfehlenswert.

Das Café Getreidegasse liegt im Durchhaus bei Nummer 27, erkennbar am Hopfenkranzschild, das an die einstige Brauerei des Hauses erinnert. Wiener Kaffeehausstimmung, Mehlspeisen, Mittagstisch. Wer eine Pause braucht, sitzt hier gut.

Das Meissl & Schadn in der Getreidegasse hat sich aufs Wiener Schnitzel spezialisiert und macht daraus kein Geheimnis. Die offene Küche ist so aufgestellt, dass man beim Klopfen und Panieren zusehen kann. Stilvolles Interieur, das an klassische Wiener Wirtshäuser erinnert, ohne in Klischee zu versinken.

Das Yuen serviert kantonesische und Szechuan-Küche in einem mittelalterlichen Salzburger Gewölbe. Die Familie führt das Restaurant seit Generationen, die Dim Sum und die knusprige Ente haben ihre Stammkundschaft. Wer zwischendurch eine Pause von der österreichischen Küche braucht, aber die Altstadt nicht verlassen will, ist hier richtig.

Das La Stella liegt im Innenhof beim Sternbräu, überraschend ruhig für die Lage, mit guten neapolitanischen Pizzen und schnellem Service.

Praktisches

Die Getreidegasse verläuft von Nordwesten nach Südosten, parallel zur Salzach. Der natürliche Einstieg ist der Herbert-von-Karajan-Platz im Nordwesten. Von dort geht es durch die Gasse – vorbei am Schatz-Durchhaus bei Nummer 3 und Mozarts Geburtshaus bei Nummer 9 – bis zum Rathausplatz im Südosten. Wer noch weiter will, verlängert über die Judengasse zum Alten Markt.

Kein Auto direkt in die Altstadt – das funktioniert nicht. Die nächste Option ist die Mönchsberg-Parkgarage A, deren Ausgang «Altstadt/Getreidegasse» in einer bis zwei Minuten zur Gasse führt. Das Sternbräu locht das Parkticket auf Wunsch: 4 Stunden für 4 Euro, 8 Stunden für 6 Euro. Wer lieber mit dem ÖV anreist: Oberleitungsbus Linie 3, 5 oder 6 bis Rathaus oder Mozartsteg, dann wenige Minuten zu Fuß. Vom Hauptbahnhof sind es rund 20 Gehminuten.

Früh ist besser. Zwischen 8 und 9:30 Uhr ist die Gasse noch ruhig, das Licht fällt günstig, und die Schilder zeigen sich ohne Köpfe davor. Ab 10 Uhr füllt sie sich, an Sommerwochenenden deutlich. Im Dezember verwandeln die Durchhäuser zwischen Getreidegasse und Griesgasse in den Sternadvent-Christkindlmarkt – romantisch, aber voll.

Stimmungsvoller Blick auf die Getreidegasse

Getreidegasse Salzburg

Interessante Fakten

  • Im Mittelalter reinigte man die Getreidegasse jeden Samstag und am Vorabend von Feiertagen durch kurzzeitiges Fluten mit Almkanalwasser. Das Wasser schwemmte den Schmutz durch die Durchhäuser direkt zur Salzach.
  • Die Walfischrippe im Schatz-Durchhaus war einst Marketing. Der Mayr'sche Kolonialwarenhandel, der im 14. Jahrhundert hier ansässig war, nutzte sie als Blickfang – genau wie den kleinen getrockneten Haifisch, der daran hängt. Max Reinhardt fand beides offenbar bühnentauglich und setzte es als Festspiel-Requisite ein.
  • Noch in den 1950er-Jahren fuhr ein Obus durch diese schmale Gasse. Heute undenkbar.

FAQ

Welche Geschäfte sind bei Touristen am beliebtesten?

Mozarts Geburtshaus zieht die meisten Menschen an. Daneben sind Trachtengeschäfte, Konfiserieen mit Mozartkugeln und Schmuckläden gut besucht. Die Spirituosenhandlung Sporer gehört zu den authentischsten Adressen der Gasse, Nordsee bei Nummer 11 ist die beliebteste schnelle Mahlzeit zwischendurch.

Wie viel Zeit sollte man einplanen?

Für einen Spaziergang mit Blick in die Durchhäuser und einem kurzen Halt reichen 45 bis 60 Minuten. Das Mozart-Museum braucht eine zusätzliche Stunde. Mit Einkaufen und Kaffeepause sind zwei bis drei Stunden realistisch.

Ist die Getreidegasse für Kinder geeignet?

Ja. Die Durchhäuser sind aufregend zum Erkunden, das Geburtshaus hat eine kindgerechte Ausstellung, und auf der Fußgängerzone gibt es keinen Autoverkehr. Praktisch.

Was kauft man als Souvenir?

Mozartkugeln von Reber oder Fürst, Trachtenelemente, handgemachter Schmuck aus den Ateliers in den Passagen, Kräuterliköre aus der Spirituosenhandlung Sporer. Wer etwas Ausgefalleneres will: eine Miniatur-Nachbildung eines Zunftschilds.

Wann lassen sich die besten Fotos machen?

Zwischen 7:30 und 9 Uhr. Die Gasse ist dann fast leer, das Licht fällt von oben in die Häuserschluchten, und die Zunftschilder kommen ohne Menschenmassen davor zur Geltung. Regentage nachmittags sind ebenfalls ruhiger – und nasse Pflastersteine haben ihren eigenen Reiz.