Nicolas Hojac
Nicolas Hojac macht keinen Lärm. Kein grosses Ego, keine Auftritte, keine Selbstinszenierung – und trotzdem hat der Spiezer mit dem Speedrekord an Eiger, Mönch und Jungfrau 2025 ein Kapitel Schweizer Bergsteigergeschichte neu geschrieben. Was ihn antreibt? Nicht Ruhm. Die Überzeugung, dass wir alle zu mehr fähig sind, als wir denken.
Vollständiger Name | Nicolas Hojac |
|---|---|
Geburtsdatum | 13. Juli 1992 |
Geburtsort | Bern, Schweiz |
Alter (2025) | 32 Jahre |
Wohnort | Spiez, Kanton Bern |
Beruf | Profibergsteiger, Keynote Speaker |
Spezialisierung | Speed-Alpinismus, Expeditionsbergsteigen, Sportklettern |
Schlüsselrekord | Nordwand-Trilogie Eiger–Mönch–Jungfrau in 15 Std. 30 Min. (2025) |
Seilschafts-Speedrekord | Eiger-Nordwand in 3 Std. 46 Min. (2015, mit Ueli Steck) |
Beziehungsstatus | Lebt mit Partnerin in Spiez |
Sponsoren | Red Bull, Bächli Bergsport, ING+, Leki u. a. |
Nicolas Hojac
Biografie
Nicolas Hojac wächst in Niederscherli auf, einer kleinen Gemeinde nahe Bern. Weit weg von den Wänden, die später seinen Namen prägen. Die Familie ist keine Bergsteigersippe: der Grossvater flieht 1968 aus der damaligen Tschechoslowakei in die Schweiz, die Eltern sind keine Bergführer. Nico wächst mit einem Bruder und einer Schwester auf, spielt Eishockey, ist ein normaler Berner Junge.
Die Berge kommen erst mit 14 – und nicht am Fuss des Eigers, sondern im Unterwallis. Ein Sprachaufenthalt öffnet ihm die Augen. Zum 14. Geburtstag wünscht er sich von den Eltern eine geführte Tour auf einen Viertausender. Das Lagginhorn wird sein Erster – und oben auf dem Gipfel wird ihm schlecht. Höhenkrank. Erbrechen. Zum 15. Geburtstag folgt das Aletschhorn, zum 16. die Dent Blanche.
Der holprige Start schreckt ihn nicht ab. Mit 15 tritt er dem SAC bei und lernt dort, was Bergsteigen wirklich bedeutet: Seiltechnik, Routenplanung, Risikobeurteilung, Meteorologie. Mit 18 Jahren gelingt ihm die Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand über die Heckmair-Route – eine Tour, für die Hobbybergsteiger ein bis zwei Tage brauchen. Es ist der Anfang von etwas Grösserem.
Nicolas Hojac
Parallel absolviert Hojac eine Lehre als Automatiker und studiert danach Maschinenbau an der Berner Fachhochschule in Burgdorf. Ein Fundament, das er bewusst wählt – für den Fall, dass die Berge ihn eines Tages nicht mehr ernähren können.
Von 2014 bis 2016 ist Hojac Mitglied im Expeditionskader des Schweizer Alpen-Clubs. Der Höhepunkt dieser drei Jahre ist eine Expedition ins Tian-Shan-Gebirge in China, wo die Gruppe mehrere Erstbegehungen abschliesst. Das Schweizer Fernsehen begleitet das Projekt und sendet es später als Dokumentarfilm «Hoch hinaus – The Expedition Team» auf SRF 2. Hojacs erster grösserer Auftritt in der Öffentlichkeit.
Karriere und Rekorde
Als Hojac mit 18 Jahren die Eiger-Nordwand durchsteigt, ist das für viele schon aussergewöhnlich. Für ihn ist es erst der Anfang. Kurz danach folgen die Nordwände des Matterhorns und der Grandes Jorasses. Mit rund 20 Jahren komplettiert er die «Nordwand-Trilogie» der grossen Alpen-Nordwände – und zählt damit zu den jüngsten Bergsteigern, denen das je gelungen ist.
Was ihn von vielen anderen trennt: er durchläuft alle Stationen gründlich. Über die SAC-Jugendorganisation kommt er mit zwanzig Jahren zu Mammut ins nationale Team, später ins internationale Pro-Team. Das ist kein Zufallserfolg, das ist ein Weg.
Sein Stil: technische Präzision, überragende Ausdauer und ein klarer Kopf in extremen Situationen. Er trainiert wöchentlich 16 bis 20 Stunden – Bouldern, Bergläufe, Krafttraining. Kein Solo-Held, der Risiken um des Nervenkitzels willen sucht. «Ich begebe mich nicht in Situationen, die ich für gefährlich halte», sagt er. Das klingt banal. Im Alpinismus ist es alles andere als das.
Nicolas Hojac
Die prägendste Beziehung in Hojacs Karriere ist die mit Ueli Steck. Der «Swiss Machine» wird sein Mentor, Kletterpartner und bester Freund.
Er war wie ein grosser Bruder. Wenn ich eine Frage hatte, hatte Ueli eine Antwort.
Am 11. November 2015 klettern sie gemeinsam durch die Heckmair-Route und stellen einen neuen Seilschafts-Speedrekord auf: 3 Stunden und 46 Minuten. Die Anekdote dazu ist fast schon legendär: Am Einstieg soll Steck gesagt haben, sie dürften keine Zeit verlieren – er habe abends um 18 Uhr einen Bankenvortrag in Münsingen. Er meinte es ernst. Erst danach merkten sie, dass sie einen Rekord aufgestellt hatten. Für Hojac ist es wegweisend.
Steck hat mir gezeigt, dass ich zu mehr fähig bin, als ich dachte. Er hat den Funken für das Speedbergsteigen auf mich überspringen lassen.
Am 30. April 2017 stirbt Ueli Steck bei einem Trainingsunfall am Nuptse im Himalaja. Es trifft Hojac hart. In seinem Materiallager hängt noch heute ein Seil von Steck – ein Geschenk von dessen Witwe. Der gemeinsame Rekord steht noch immer.
Seinen Tod habe ich bis heute nicht verarbeitet. Oft will ich ihm eine Nachricht schicken, bis ich merke: Er ist ja gar nicht mehr da.
Nach Stecks Tod findet Hojac in Adrian Zurbrügg seinen neuen Hauptpartner. Zurbrügg ist kein Profi – er arbeitet hauptberuflich als Landschaftsgärtner. Konditionell aber sucht er in der Schweiz seinesgleichen.
Was die beiden zusammen leisten, spricht für sich. 2020 bezwingen sie bei der Spaghetti-Tour im Monte-Rosa-Massiv 18 Walliser Viertausender in 13 Stunden und 39 Minuten – neuer Rekord. Am 12. Juli 2022 traversieren sie Eiger, Mönch und Jungfrau via Gipfelgrate in 13 Stunden, 8 Minuten und 49 Sekunden und unterbieten Ueli Stecks Rekord um mehr als drei Stunden – auf der schwierigeren Route, wohlgemerkt, weil sie keine Umgehungen wählen. 2023 überqueren sie beim Schreckmarathon sieben Gipfel über 42 Kilometer in 18 Stunden und 52 Minuten. 2024 folgt eine Nonstop-Traversierung der Skyline des Berner Panoramas – als erste Seilschaft überhaupt.

Eiger, Mönch und Jungfrau in 13 Stunden | Nico Hojac und Adrian Zurbrügg auf Rekordkurs
Nicolas Hojac und sein österreichischer Partner Philipp Brugger steigen am 5. April 2025 in die Eigernordwand ein. Stirnlampen an, Steigeisen montiert, 37 Meter Seil bereit. Ihr Ziel: die drei Nordwände in weniger als 24 Stunden – und der 21 Jahre alte Rekord von Steck und Siegrist bei 25 Stunden soll fallen. Was folgt, ist einer der grössten Momente im modernen Schweizer Alpinismus.
Trotz absoluter Dunkelheit finden sie von Beginn weg ihren Rhythmus. Nach 5 Stunden und 43 Minuten stehen sie auf dem Eiger-Gipfel. Am Gipfelgrat wartet Adrian Zurbrügg, der mit Skiern aufgestiegen ist, und versorgt sie mit Wasser und Essen. Fünf Minuten Pause. Dann weiter zum Mönch, Lauper-Route. Dort das erste ernste Problem: Am Schulterstand fehlt die Schlinge fürs Seil. «Nur mit einer kreativen Technik und dank Teamwork konnten wir diese Passage meistern», sagt Hojac. Zwei von drei Wänden geschafft.
Am Jungfraujoch empfangen die Betriebswarte Daniela Bissig und Erich Furrer die beiden mit Pommes Frites. 25 Minuten Pause. Dann der letzte Aufstieg – zur Jungfrau-Nordwand, die sie drei Tage zuvor in der entscheidenden Passage bereits gespurt hatten.
Um 16:30 Uhr stehen sie auf dem Gipfel der Jungfrau. 4'158 Meter. Gesamtzeit: 15 Stunden und 30 Minuten – knapp zehn Stunden unter dem alten Rekord.

Nonstop-Traversierung der Skyline des Berner Panoramas
Die Kontroverse mit Stephan Siegrist
Was einer der schönsten Bergsteigermomente der jüngeren Schweizer Geschichte hätte sein können, wird schon am nächsten Tag komplizierter. Stephan Siegrist – zusammen mit dem verstorbenen Ueli Steck Inhaber des bisherigen Rekords – schreibt eine E-Mail an Red Bull. Darin bestreitet er die Vergleichbarkeit der beiden Begehungen: Hojac und Brugger hätten an der Jungfrau eine andere Route gewählt, das Lauper-Couloir statt des schwierigeren Ypsilon Couloirs. Ausserdem hätten die Stoppuhren in den Pausen nicht gelaufen.
Für Hojac ein Schock. Er hatte seine Routenwahl exakt nach Siegrists eigener Dokumentation getroffen – sowohl im Buch «Stephan Siegrist – Balance zwischen Berg und Alltag» als auch auf dessen Website stand bis dahin klar die Lauper-Route. Noch kurz vor der Begehung hatten die beiden telefoniert, ohne einen Hinweis auf eine abweichende Route.
Dann entdeckt Hojac, dass Siegrist seine Website nachträglich ändert: der Name «Lauper» verschwindet, «Ypsilon Couloir» erscheint neu. Das Buch lässt sich nicht umschreiben – dort steht nach wie vor «Lauper».
Noch brisanter: im Verlauf des Austauschs räumt Siegrist ein, dass ihm und Steck 2004 am Ausstieg der Jungfrau-Nordwand ein 50-Meter-Seil von oben heruntergelassen wurde. Externe Hilfe, die 21 Jahre lang unerwähnt blieb – und die im Speed-Alpinismus mit den üblichen ethischen Standards nicht vereinbar ist. Hojac formuliert es direkt:
Das Seil, welches zum Ausstieg genutzt wurde, ist aus alpinethischer Sicht unsportlich und kann als Betrug gewertet werden.
Er hält alles in einem umfangreichen Dokument fest: GPS-Daten, Fotos, WhatsApp-Verläufe, Medienmitteilungen. Eine Einigung zwischen den beiden ehemaligen Freunden – sie waren dreimal gemeinsam auf grossen Expeditionen – gibt es bis heute nicht. Das Verhältnis gilt als zerrüttet. Siegrist sagt immerhin:
Sie sind Vertreter einer neuen Generation, die das Bergsteigen auf ein neues Level hebt.
Persönliches Leben
Nicolas Hojac lebt mit seiner Partnerin in Spiez am Thunersee. Über sein Privatleben spricht er nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Dass er eine Partnerin hat, erwähnt er selbst nebenbei: Als er am 5. April 2025 auf dem Gipfel der Jungfrau steht, schickt er ihr als Erstes eine Sprachnachricht.
Neben dem Bergsteigen fliegt er Paraglider und fotografiert gerne – beides passt zu seiner Affinität für die alpine Welt. Früher spielte er Eishockey. Als Keynote Speaker teilt er seine Erlebnisse vor Unternehmenspublikum:
Wir sind zu mehr fähig, als wir denken – das möchte ich vermitteln.
Seinen Lebensunterhalt verdient er über Sponsoren. Red Bull stellt ihm ein Auto zur Verfügung, übernimmt Expeditionsbudgets und begleitet seine Projekte mit professionellen Filmteams. Bächli Bergsport, ING+ und Leki sind weitere Partner. Früher war Mammut dabei. Hojac sagt selbst, in der Schweiz gebe es vielleicht eine Handvoll Bergsteiger, die sich das leisten können. Er gehört dazu.
Nicolas Hojac
Anerkennungen
Formal ausgeschriebene Preise sind im Alpinismus generell selten – die Branche funktioniert über Anerkennung durch die Community und mediale Aufmerksamkeit. Was sich für Hojac dokumentieren lässt:
Anerkennung | Jahr | Kontext |
|---|---|---|
Seilschafts-Speedrekord Eiger-Nordwand (mit Ueli Steck) | 2015 | Heckmair-Route in 3 Std. 46 Min. – damaliger Weltrekord für Seilschaft |
Aufnahme ins Mammut International Pro-Team | ca. 2012–2022 | Einer von sehr wenigen Schweizer Alpinisten auf diesem Niveau |
Red Bull-Athletenstatus Schweiz | ab ca. 2021 | Aufnahme ins Red Bull Athlete Roster |
Bestzeit Swiss Skyline via Gipfelgrate (mit Zurbrügg) | 2022 | 13 Std. 8 Min. – Unterbieten von Ueli Stecks Rekord |
Nordwand-Trilogie-Speedrekord (mit Philipp Brugger) | 2025 | 15 Std. 30 Min. – 21 Jahre alter Rekord gebrochen |
Internationale Medienresonanz inkl. BBC-Interview | 2025 | Weltweite Berichterstattung nach dem Trilogie-Rekord |
Interessante Fakten
- Beim ersten Viertausender wurde er krank. Auf dem Lagginhorn, den er sich zum 14. Geburtstag gewünscht hatte, erbrach er sich oben. Heute klettert er Wände, für die andere zwei Tage brauchen, in unter sechs Stunden.
- Der Rekord wäre fast nie passiert. Hojac und Brugger wollten die Trilogie schon 2022 angehen – sie brachen nach dem Mönch ab, weil Brugger sich nicht wohlfühlte. Kurz vor dem Versuch 2025 erlitt Brugger einen Darmdurchbruch. «Ich hätte nie gedacht, dass ich ein Jahr später auf der Jungfrau stehe», sagt er.
- Er denkt wie ein Ingenieur. Sein Maschinenbau-Studium in Burgdorf hat seine Herangehensweise geprägt – Routen und Risiken analysiert er systematisch, nicht intuitiv.
- Sein Grossvater floh aus der Tschechoslowakei. Im Jahr des Prager Frühlings, 1968, kam er in die Schweiz. Eine Geschichte, die Resilienz in die Familie trägt.
- Was Hojac als nächstes plant, behält er für sich. «Als Ankündigungs-Alpinist will ich nicht bezeichnet werden.» Die Szene spekuliert seit Jahren über ein mögliches Projekt an der Südwand des Shivling im Himalaja.
Soziale Netzwerke
Auf seinem Instagram-Profil hat er etwa 45.000 Follower und fast 400 Beiträge. Er postet Bilder und kurze Einblicke aus Touren, Expeditionen und Training. Persönlich, nicht werbend – Hojac zeigt die Berge so, wie er sie erlebt: rau, schön, manchmal brutal. Seine Website enthält ausführliche Projektberichte, darunter die detaillierte Chronik zur Nordwand-Trilogie 2025. Er kommuniziert direkt und ohne Selbstinszenierung. Lieber handeln als reden – das spiegelt sich auch darin, wie er online auftritt.
Häufige Fragen
Plant Nicolas Hojac, seinen eigenen Rekord zu unterbieten?
Stand 2025 hat er dazu nichts Konkretes gesagt. Er kündigt Projekte grundsätzlich nicht an. Was er sagt, ist bezeichnend: «Ich bin kein sehr kompetitiver Mensch. Mein Antrieb ist nicht, anderen Bergsteigern Rekorde abzujagen.» Ob jemand die 15 Stunden und 30 Minuten je unterbieten wird – die Bedingungen im April 2025 waren aussergewöhnlich gut, das passiert nicht jedes Jahr.
Wie hat Hojac Ueli Steck kennengelernt?
Die genaue Begegnung ist nicht öffentlich dokumentiert. Bekannt ist, dass beide über die Schweizer Alpinismusszene – und wohl auch über Mammut – zusammengefunden haben. Hojac war Teil des SAC-Expeditionskaders, Steck bereits ein gefeierter Profi. Die Verbindung vertiefte sich durch gemeinsame Touren und gipfelte 2015 im Eigernordwand-Speedrekord.
Welche Projekte plant Hojac für 2026?
Er hält sich bedeckt. Aus früheren Interviews geht hervor, dass ihn die Südwand des Shivling (6'543 m, Himalaja) seit Jahren fasziniert – ein Projekt, das bisher an den Bedingungen gescheitert ist. Ob 2026 ein weiterer Versuch folgt, bleibt offen.
Wie geht er mit Vergleichen zu Ueli Steck und Dani Arnold um?
Mit auffallender Nüchternheit. Ob er der bessere Alpinist als Steck sei? «Das bin ich definitiv nicht. Das Niveau, auf dem er sich befand, habe ich noch nicht erreicht.» Er meint es so. Steck ist für ihn kein Konkurrent, sondern ein Massstab. Den Solo-Speedrekord an der Eiger-Nordwand von Dani Arnold (2 Std. 4 Min., 2018) greift er bewusst nicht an: «Es bringt dir nichts, wenn du abstürzt.» Das Restrisiko ist ihm bei Solobegehungen schlicht zu hoch.







